Alle Leser möchte ich um Entschuldigung für die anhaltende Pause bitten – wir haben eine kleine private Veränderung im Haus.
Philologe ist kein Beruf, mit dem sich das große Geld machen läßt. Wie viele interessieren sich schon dafür, was Goethe wann zu Eckermann sagte? Wir ahnen: viele werden es nicht sein. Das dachte sich wohl auch Gero von Wilpert – sonst eher für seine umfangreichen Nachschlagewerke zur deutschen Klassik bekannt. Es kann nur geraten werden, was ihn dazu trieb, das Buch Die 101 wichtigsten Fragen: Goethe zu verfassen: Wollte er die Massen erreichen? Hatte er Informationsabfall, der noch verwertet werden mußte? War er jung und brauchte das Geld?
Von letzterem kann abgesehen werden, obwohl es vielleicht das am leichtesten zu verzeihende wäre. Das reizende und leicht entschuldigende Vorwort des Buches hätte mich fast davon abgehalten, es hier vorzustellen – ich schreibe »vorzustellen«, da hier ein Zitat jegliche Parodie erübrigt. Beginnen wir mit einem Blick in die »Top Ten«, also die laut von Wilpert 10 wichtigsten Fragen an Goethe:
Guos Moruos Faust-Übersetzung wird mitunter vorgeworfen, daß Wörter daraus aus dem Heimatdialekt Guos, nämlich der Sprache Sichuans, stammen. Das ist sicherlich keine völlig unbegründete Kritik, beschäftigen sich doch gleich die ersten zwei von Goethes Regeln für Schauspieler eben mit dem Gebrauch von Dialekt auf der Bühne:
Dialekt
§ 1
Wenn mitten in einer tragischen Rede sich ein Provinzialismus eindrängt, so wird die schönste Dichtung verunstaltet und das Gehör des Zuschauers beleidigt. Daher ist das Erste und Notwendigste für den sich bildenden Schauspieler, daß er sich von allen Fehlern des Dialekts befreie und eine vollständige reine Aussprache zu erlangen suche. Kein Provinzialismus taugt auf die Bühne! Dort herrsche nur die reine deutsche Mundart, wie sie durch Geschmack, Kunst und Wissenschaft ausgebildet und verfeinert worden.
Die Arbeit verwehrt mir momentan längere Einträge, da scheint es genau die richtige Zeit für ein Preisausschreiben. Die schwedische Firma Pictura Graphica brachte 1992 eine Postkarte auf den Markt, die ich seitdem nicht versenden konnte – hatte sich doch ein fabelhafter Übersetzungsfehler hineingeschlichen. Wer ihn findet, bekommt von mir eine Goethesche Weisheit gratis.
Die aufgeklappte Karte birgt das Rätsel:
GUO Moruo ist, vorsichtig ausgedrückt, eine ambivalent wahrgenommene Gestalt der chinesischen Geschichte. Das hat ganz verschiedene Gründe, sei es Guos Mitgliedschaft in der KPCh, seine Rolle in der Kulturpolitik, die Untreue zu seiner ersten, von seinen Eltern vermittelten Frau – die Liste läßt sich fortführen. Ärgerlich wird es, wenn die einmal gefaßte Abneigung in der Beurteilung seines literarischen oder wissenschaftlichen Schaffens durchschimmert.
Ein solches Gefühl überkam mich, als ich Adrian HSIAs Aufsatz „Goethes Faust in vier chinesischen Übersetzungen“ (in: Zur Rezeption von Goethes “Faust” in Ostasien, Hg. A. Hsia u. S. Hoefert, Bern 1993) in die Hand bekam. Dort ist zu lesen:
[Guo] sagt ebenfalls, daß Franz Staffens Illustrationen zum deutschen Faust, herausgegeben von Ludwig Schroeter, eine große Hilfe für ihn gewesen seien, das Werk zu begreifen. Diese Feststellung zwingt zur Nachdenklichkeit, inwiefern ein solches Verständnis handfest sein kann.
Goethe – ein Hans Dampf in allen Gassen, hier zum Beispiel in der guten alten Handyzentrale. Dazu passend: der liebevoll gestaltete Schriftzug des Goethe-Hotels. In München wird die Tradition eben nicht nur gepflegt, sondern der Zeit angepaßt!
Jedes Jahr im Februar finden in Berlin Filmfestspiele statt, bei denen man die Gelegenheit hat, Filme aus aller Herren Länder zu sehen. Als gebürtiger Berliner verhält es sich wie mit vielen Attraktionen, die die Stadt zu bieten hat: Man lernt sie erst kennen, wenn Gäste zu Besuch sind. Aus ebendiesem Grund stand ich in diesem Frühjahr dort, wo ich eigentlich niemals hatte stehen wollen: in der langen Schlange der Kartenkaufenden am Potsdamer Platz. Als ich aber an der Reihe war, kam die noch größere Überraschung.
Den Titel des Filmes, den meine Begleitung sehen wollte, hatte ich mir gemerkt und sagte ihn der Verkäuferin. Zu meinem Erstaunen konnte sie den Film in der Datenbank nicht finden und bat mich, Tag und Uhrzeit der Aufführung zu nennen. Glücklicherweise hatte ich mir Notizen gemacht und konnte beides nennen – doch weiterhin erfolglos. Um diese Zeit spielte kein Film namens Golden Slumber. Welcher Film statt dessen spiele? Goruden Suramba.
Aber haben Sie es auch gelesen? – Mit diesen Sätzen lockt der japanische Comic Fausuto, Goethes Werk kennen zu lernen.
Faust auf der Bühne aufzuführen ist wegen der inhaltlichen Dichte, aber der losen dramatischen Konstruktion ein keineswegs leichtes Unterfangen. Welche Möglichkeiten bietet ein Comic? Nun, zum einen sind keine Grenzen gesetzt, was die optische Gestaltung, die Darstellung von Zauberei, Hexen und so fort angeht. Ein weiterer Vorteil bei der Umsetzung eines Dramas ist, daß man dabei nicht auf Text verzichten muß – von Bühnenanweisungen abgesehen, hat man den reinen Sprechtext, der sich, so sollte man meinen, gut mit einem Comic, das ebenfalls nahezu ohne erklärenden Text auskommt, verbinden läßt.
Doch bereits da stößt man auf die ersten Probleme. Ein Leser dieser Gattung erwartet Bilderwechsel, bei denen etwas passiert. Wie aber bringt man 127 Verse Monolog, in denen nicht viel mehr passiert, als daß ein Buch aufgeschlagen wird, auf eine Comicseite; wie den Osterspaziergang in eine Sprechblase?

Besser drei Mal überlegen
Nach all den sprachlichen Problemen, die hier schon behandelt wurden, blieb doch noch ein wichtiger Punkt zu wenig erwähnt: die Übersetzung von Kulturtatsachen und ihre Tücken. Als Anlaß sei ein kleiner Satz zitiert, den man heute in der Bildergallerie der Tagesschau lesen konnte:
In der indischen Stadt Hyderabad töpfert ein Mann ein Ölgefäß für das “Diwali Festival” – Lichterfest, das am 17. Oktober gefeiert wird. Das Festival erinnert an den Hindugott Lord Rama, der nach 14 Jahren im Exil in seine Heimatstadt Ayodhya zurückgekehrt ist. Das Lichterfest gleicht dem deutschen Weihnachten und Silvester in einem.
Das Lichterfest gleicht natürlich nicht dem deutschen Weihnachten und Silvester in einem. Und um das zu wissen, muß man das Lichterfest noch nicht einmal kennen, sondern nur einen einzigen Dezember in Deutschland verbracht haben.







