Nov 112013
 

Diesmal, etwas ungewöhnlich hier, eine Frage an die Leser.
Ein Merkmal aus Robins wunderbarer Übertragung von Inoues “Tōno monogatari”, die ich neulich hier erwähnte, ist mir besonders ins Auge gestochen und ich bin mir noch uneins darüber, ob es mir gefällt oder nicht. Wie viele meiner Leser wissen werden, spielt Lautmalerei in japanischer Sprache und Literatur eine prominente Rolle und sind ein beliebter Kopfzerbrecher für alle Übersetzer. Robins hat sich gelegentlich entschieden, Onomatopoesie nicht zu verbalisieren, d.h. hier: zum Verb zu machen, wie es in der Regel gehandhabt wird. (Für gewöhnlich wird also: “Das Feuer machte pachi pachi.” mit: “Das Feuer knisterte.” übersetzt.) Andererseits nehmen diese Art von stimmungsprägenden, klangvollen Wörter bei Inoue von Zeit zu Zeit Schlüsselpositionen ein und gestalten mit ihrer unmittelbaren Verständlichkeit das Leseerlebnis.

Robins schreibt also, anstelle von: “glucksend spülte er sich den Mund aus” nun: “he rinsed his mouth with a gobu-gobu-gobu sound”.

Noch ein paar Beispiele zur Veranschaulichung – und eine Umfrage: Continue reading »

Okt 212013
 

Lyrik übersetzen steht vielleicht wieder nach meiner Berentung auf dem Programm. Man soll mich auf diesen Satz nicht festnageln, aber ich kann mir nicht vorstellen, es noch einmal mit Gedichten zu versuchen. Niemand möchte wissen, wie viele Stunden Kopfzerbrechen und Diskussion in den wenigen Auszügen aus “Shagāru to ko no ha” stecken, die Frau Dr. Yoriko Yamada-Bochynek und ich in den “Heften für Ostasiatlische Literatur” veröffentlicht haben. Die Stunden, Tage und Wochen im Institut haben glücklicherweise Spaß gemacht und gebildet, so daß ich ganz ohne Reue darauf zurückblicke.

Hefte für ostasiatische Literatur 43

TANIKAWA, Shuntarō: »Gedichte«, in: Hefte für Ostasiatische Literatur, Nr. 43 (2007): 77–89; aus dem Japanischen von Yoriko YAMADA-BOCHYNEK und Nora BARTELS. (Auszüge aus Shagāru to ko no ha シャガールと木の葉 »Ein Chagall und ein Blatt«)

Jul 292010
 
Inoue Hisashi: Fu fu fu

Inoue Hisashi: Fu fu fu

Inoue Hisashis Werk umfaßt eine Reihe kurzer, oft heiterer Essays, von denen ich hier eines vorstellen möchte. Es stammt aus dem Buch Fu fu fu.

Der längste Name der Welt

Wenn ich an einem Roman oder an einem Drama zu arbeiten beginne, dann sind das, was mir oft unerwartet viele Schwierigkeiten bereitet, die Namen für die auftretenden Figuren. Zum Beispiel wäre „Yamada Hanako1 zu einfach und würde umgekehrt einen starken Eindruck vermitteln. Namen wie „Yamada Shizue“2 gefallen mir, aber sind letztlich veraltet. Und dennoch ist „Yamada Asuka“3 zu modern und nimmt alle Kraft.4

In solchen Momenten beneide ich die Schriftsteller aus Myanmar. Dort braucht man keinen Nachnamen. Genauso wie beim Tenno reicht der Vorname aus. Wenn man die schönen Worte Aung San Suu Kyi5 zusammenfügt, wird daraus ein Vorname. Aung bedeutet „Sieg“ oder „Übertreffen“, San heißt „selten“, Suu bedeutet „ansammeln“ und Kyi „rein“.6 Zusammen ergeben sie einen „von in der ganzen Welt seltener Reinheit überströmenden, vortrefflichen Menschen“. Außerordentlich schön.

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  1. 山田花子. Sowohl Yamada als auch Hanako (weiblicher Vorname) sind sehr häufige japanische Namen. Die übliche Reihenfolge, Familienname vor dem Rufnamen, wurde beibehalten. []
  2. 山田静江 (weiblicher Vorname). []
  3. 山田明日香( weiblicher Vorname), besonders beliebt seit 1999, als die Fernsehserie „Asuka“ mit einer Heldin gleichen Namens ausgestrahlt wurde. []
  4. Die Wendung 気合いを入れるbedeutet in etwa: „sich konzentrieren“, „geistige Kräfte aufbringen“. In diesem Zusammenhang ist sie eher ungewöhnlich. Statt „nimmt einem alle Kraft“ wäre auch eine Paraphrase denkbar, beispielsweise: „und deshalb nicht so eindrucksvoll/eindringlich“. []
  5. Politikerin aus Myanmar, 1945, erhielt 1991 den Friedensnobelpreis, lebt seit vielen Jahre in Gefangenschaft bzw. Hausarrest. Die Umschrift des Namens im Originaltext wird mit dem Katakana-Silbenalphabet vorgenommen: アウンサンスーチー (Romaji: Aunsansūchī). []
  6. In Myanmar werden Namen häufig gebildet, indem man seine Wünsche für die Kinder aneinander reiht. Auch ist es sehr leicht möglich, den eigenen Namen zu ändern und eigene Hoffnungen oder Vorstellungen einfließen zu lassen. []
Mrz 192010
 
Konnte es nicht mal mit seinen kleinen Brüdern aufnehmen: Mori Ōgai

Konnte es nicht mal mit seinen kleinen Brüdern aufnehmen: Mori Ōgai

Über Mori Ōgai wurde schon viel geschrieben, und deutsche Leser haben das Glück, auf ungewöhnlich viele Informationen Zugriff zu haben, da an der Mori-Ōgai-Gedenkstätte und andernorts seit vielen Jahren an der Publikation seiner Werke und an Schriften über ihn gearbeitet wird. Doch natürlich wird auch in Japan viel publiziert und manchmal sogar etwas, das man nicht ohne weiteres auf deutsch finden wird. So auch die Texte auf der Webseite der Grundschule von Tsuwano, der Heimatstadt von Mori Ōgai.

Im Jahr 2004 haben dort Schüler der fünften Klasse gemeinsam recherchiert und Texte verfaßt, mit denen sie für ihre Stadt werben konnten. Eines der Teams beschäftigte sich mit berühmten Persönlichkeiten des Städtchens, von denen es gar nicht wenig gibt. Mori Ōgai nimmt darunter einen prominenten Platz ein – eine ganze Reihe von Absätzen der Seite beschäftigt sich nur mit ihm. Da sie informativ und unterhaltsam sind, hier eine kleine Auswahl in deutscher Übersetzung.

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Feb 172010
 
Laojiu, japanisch Raochū, ist eine lange gereifte Variante von Huangjiu, ein nicht destillierter Wein aus Reis, Hirse oder Weizen

Laojiu 老酒, japanisch Raochū, ist eine lang gereifte Sorte von Huangjiu 黄酒 („Gelbwein“) aus Reis, Weizen oder Hirse mit weniger als 20% Alkoholgehalt.

Erster Teil der Übersetzung: Die Leute aus Shanghai. Guo Moruo in der japanischen Presse

Herr Maeda, der Verwalter des men’s house, in dem ich untergekommen bin, ist ein bekannter Mann in Shanghai; er ist Christ, Unternehmer und ein ziemlich guter Gesprächspartner. In diesem house haben schon Herr Kagawa Toyohiko,1 der Agrarwissenschaftler Herr Dr. Yamazaki Momoji2 und andere übernachtet. Was diesen Kagawa Toyohiko angeht: Er hat von der neuen Shanghaier Gruppe Verachtung erfahren. Ihm leisten nur noch hohe Beamte, reicher Männer Ehefrauen, alte Christen und Spione Gesellschaft. Dr. Yamazaki jedoch promovierte ursprünglich als Lehrer der Dōbun-Shoin-Universität, indem er Laojiu-Wein erforschte und ist eine neue Autorität in Bereich japanischer Bakterien-Fermentierung. (Heute lehrt er an der Gifu Hochschule für Land- und Forstwirtschaft.) Auf der ganzen Welt gibt es niemanden, der Laojiu-Wein so gründlich kennt wie er; er kennt ihn sogar so gut, daß er auch für’s Trinken einen Doktor bekommen sollte. Er ist ein äußerst offenherziger Weltbürger und genau der Typ Mensch, der in Shanghai wohnt. Ich habe von ihm viel über Laojiu-Wein erfahren.

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  1. Kagawa Toyohiko (1888–1960) studierte in Tokyo und den USA. Er war Schriftsteller, christlicher Reformer, Kämpfer für Arbeiterrechte und Pazifist. []
  2. Yamazaki Momoji  (1890–1962) []
Jan 262010
 
"Shanhai no Hitobito" aus der Yomiuri-Shinbun vom 2. 12. 1927

“Shanhai no Hitobito” aus der Yomiuri-Shinbun vom 2. 12. 1927

Der folgende Artikel stammt aus der Tageszeitung Yomiuri Shinbun vom 2. Dezember 1927 und ist der erste Artikel in der Yomiuri, in dem Guo Moruos Name erwähnt wird. Er gibt auch einen kleinen Einblick darüber, wer die Damen und Herren der Stunde waren – welche chinesischen Literaturschaffenden der japanischen Dichter I Ken (1895-1945), der nach einer Shanghai-Reise über sie eine Serie geschrieben hat, kennenlernen konnte. Der hier übersetzte ist der zweite von drei Teilen.

Im ersten Teil (vom 29. 11. 1927) beschreibt Itō das internationale Flair Shanghais, das ihm außerordentlich gut gefallen habe und, daß er während seines sommerlichen Aufenthalts dort viele Freundschaften geschlossen habe, über die er schreiben möchte. Die Uchiyama-Buchhandlung wird beschrieben, die die erste japanische Buchhandlung in Shanghai und ein beliebter Treffpunkt der dichterischen Intelligenz war. Dort fand er freundliche Aufnahme und hat dem den Laden betreibenden Ehepaar auch ein Gedicht gewidmet. Mit der Beschreibung literarischer Persönlichkeiten beginnt Itō im zweiten Teil.

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Aug 112009
 

Nicht nur in europäischen Gefilden betreibt man Bilderstürmerei – ob nun mit bösen Absichten oder im Glauben, Goethe verbessern zu müssen oder können. Der chinesische Dramatiker Shenlin (沈林) konnte mit seinem Stück “Faust. Eine Raubkopie” (盗版浮士德) große Erfolge auf der Pekinger Bühne verzeichnen, wo es zu Goethes 250. Geburtstag uraufgeführt wurde. Es ist ein wildes Sammelsurium aus Originaldialogen (z.B. der Kerkerszene), anderen Versatzstücken über Goethe mit einer starken, bis ins Lächerliche gezogenen Modernisierung (Mephisto als Fernsehregisseur, Gretchen als Praktikantin, Faust im Auftrag der NASA auf dem Mond…). Die Verflachung ist vorprogrammiert – aber sehen wir anhand eines kurzen Ausschnittes, den ich übersetzt habe, selbst nach, was man im 21 Jhd. unter dem Namen “Faust” schreiben und aufführen kann.

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