Keine Tüte in Tokyo

Gelegentlich werde ich gefragt, für wie wahrscheinlich ich es halte, dass literarische Übersetzung aus dem Japanischen vollständig von Maschinen übernommen wird. (Für technische Übersetzungen ist dieser Schritt längst gekommen.) Die Antwort lautet: Auch heute werden schon literarische Texte automatisch übersetzt – beispielsweise digitale Groschenromane bei Amazon. So lange es Verlage gibt, die ihr Handwerk ernst nehmen, wird diese Arbeit aber wohl nicht völlig in maschinelle Verantwortung übergehen.

Sicherlich ist das Japanische auch eine der Sprachen, die sich durch große Kontextabhängigkeit (beispielsweise durch das Aussparen des Subjekts im Satzgefüge) dem automatischen Übersetzen am ehesten entzieht. Dennoch sollte man sich nichts vormachen: Die wenigsten Menschen hätten sich vor zehn Jahren vorstellen können, was Deepl mittlerweile recht verlässlich erstellt, und es ist davon auszugehen, dass sich die Ergebnisse mit der Zeit weiter verbessern werden.

Ich würde auch niemandem raten, auf Übersetzungsmaschinen zu verzichten. Diese Technik befähigt einen doch immerhin jetzt schon, einen Überblick auch über Texte zu erhalten, deren Ausgangssprache man nicht beherrscht. Bei literarischen Übersetzungen möchte ich dennoch nahelegen, erst einmal selbst zu überlegen, ehe man den Text durch die Maschine jagt. Es besteht sonst die Gefahr, dass die – standardisierten, gefälligen – Übersetzungsvorschläge die eigene Ausdrucksweise verflachen. Aus diesem Grund genügt es aus meiner Sicht auch nicht, Texte erst maschinell übersetzen zu lassen und hinterher jemanden vom Fach das Ganze auf Richtigkeit prüfen zu lassen. Einerseits werden so schnell “stimmige” Formulierungen akzeptiert, die aber vielleicht nicht ganz den Kern treffen. Und andererseits gibt ein:e Übersetzer:in auch ein Stück Individualität und gedankliche Tiefe in den Text, der von Maschinen (noch) nicht bewerkstelligt wird.

Und aus aktuellem Anlass: Diese Art unterhaltsamer Fehlübersetzungen – hier von Facebook – ist in Zukunft seltener zu erwarten.

Wie erwähnt, arbeitet das Japanische recht effektiv und spart aus, was nicht zwingend nötig ist. Hier steht nur: “Morgen, wie erwartet, niedriges Gras.” Meine Humanübersetzung, bei der ich in eckigen Klammern ergänzt habe, was im Japanischen ausgespart ist, lautet: “Morgen [gehe ich] wie erwartet [nach] Asakusa [(ein Viertel in Tokyo)]”.

Ein bisschen dauert es also vermutlich noch.

Rezension zu “Halb im Scherz”

Prof. Scholz-Cionka hat schon Anfang des Jahres in “Bunron“, der Fachzeitschrift für literaturwissenschaftliche Japanforschung, meine Doktorarbeit rezensiert. Ich habe mich außerordentlich über die ausführliche Besprechung gefreut. Zum Nachlesen:

Scholz-Cionka, Stanca (2023): “Rezension – Nora Bartels (2022): Halb im Scherz. Inoue Hisashi und die gesaku-Literatur der Edo-Zeit. München: Iudicium (Iaponia Insula)” in Bunron 10, Heidelberg (5 Seiten).

Gute Grammatik mit Dominik Wallner

In den ersten zwei Jahren, in denen ich mich mit der japanischen Sprache beschäftigt habe, wählte ich – ohne den Begriff zu kennen – die Immersion: Ich habe Japanisch gehört, versucht zu lesen, geschrieben und gesprochen und mich so viel damit umgeben wie möglich. Das (bereits digitale) Lehrwerk, mit dem ich damals begonnen habe, heißt “Assimil” und ist genau darauf ausgelegt. Der etwas später belegte Sprachkurs am JDZB hatte seinen Schwerpunkt ebenfalls im spielerischen Auswendiglernen von Phrasen.

Für diesen Einstieg spricht einiges: Man gewinnt dabei eine authentische Aussprache und kann bald ohne zu überlegen Wörter in den gelernten Strukturen austauschen, um immer wieder neue korrekte Sätze zu bilden. Das so Verinnerlichte sollte man allerdings irgendwann systematisieren – sonst weiß man nicht, wann und warum man etwas sagt, und spätestens beim Versuch, für eine Übersetzung zu analysieren, wird es brenzlig.

Japanischlehrwerke sind in unterschiedlichem Grad darum bemüht, Grammatik zu erklären, doch in der Regel darauf ausgelegt, Schritt für Schritt nach dem Prinzip der Häufigkeit der Anwendung in der Alltagssprache vorzugehen. Andere beschäftigen sich in der Hauptsache mit Grammatik, nutzen dafür aber linguistische Fachsprache, die nicht allen zugänglich ist. Für das Grammatikverständnis kann beides ein Hindernis sein, denn um zu verstehen, wie eine Sprache funktioniert, muss man sie im Zusammenhang sehen und Verknüpfungen bilden können. An dieser Stelle nun die heutige Empfehlung:

Dr. Dominik Wallner hat jahrelang an der Universität Heidelberg japanische Grammatik unterrichtet, doch seine intensive Beschäftigung mit zahlreichen auch indigenen oder künstlichen Sprachen machen ihn zu einem Experten für Grammatikfragen aller Art. Sein geordneter Geist schafft es, dieses komplexe Wissen übersichtlich und leicht verständlich darzustellen, ohne zu vereinfachen. In seiner Youtube-Serie mit dem schlichten Titel “Japanische Grammatik” und einer Titelmusik, die mich gelegentlich noch begleitet, führt er ganz unaufgeregt in die Struktur der Sprache ein. Sehenswert nicht nur für Menschen mit Vorkenntnissen – auch Anfänger:innen können hier Wissen erlangen, das ihnen immer wieder im Lauf des Lernens helfen wird, neue sprachliche Phänomene einzuordnen. Ich rate zu einem Blick:

A-Reihe: Verben

B-Reihe: Nomen und Partikeln

…sowie viele weitere Themen: von Attributen bis Vergleichen kann man dort schon eine gute Zeit verbringen.

Aosawa-Morde

Mehr als zwei Jahre sind seit dem letzten Eintrag vergangen, obwohl (oder gerade weil) so viel passiert ist. In einer Mischung aus medias in res und Rückschau beginne ich mit einer kleinen, tagesaktuellen Meldung: Das Buch “Die Aosawa-Morde” von Riku Onda, das ich vor zwei Jahren übersetzt habe, hat es auf die Krimi-Bestenliste des Jahres 2022 ganz nach oben geschafft.

Nicht selten bekomme ich Rückmeldungen, die nahelegen, dass die Erzählweise den Leser:innen viel abverlangt. Man kann sich erst im Laufe eines Kapitels orientieren, wer denn da eigentlich spricht und worüber. Aber gerade dieser Kniff macht das Buch so reizvoll: Da von den Hauptfiguren niemand mehr am Leben oder zu sprechen ist, wird der Mordfall von Nebenfiguren rekonstruiert, die in Form von Interviews ihren Auftritt haben. Interviews, denen der Interviewer fehlt, so dass allein die Randfiguren selbst in Monologform zum Sprechen kommen.

Mich freut es, dass dem Roman diese Aufmerksamkeit zuteil wird, denn er zieht seinen Reiz nicht aus spektakulärem Inhalt, sondern geschicktem Aufbau – einer Spezialität von Frau Onda, wie wir sicherlich in den kommenden Jahren sehen werden.

Das Titelbild der deutschen Ausgabe von “Die Aosawa Morde”

„als hättest du ein Stück Japan eingepackt“

Japanisch-Deutsche Begegnungen sind uns in Deutschland naturgemäß häufiger aus der deutschen Perspektive zugänglich; Reiseberichte sind spannend, weil sie die Fremde beschreiben. Dabei kann der Blick auf uns durch fremde Augen ebenso anregend wirken. Das beweisen die im Iudicium-Verlag unter dem Titel „als hättest Du ein Stück Japan eingepackt“ erschienenen Briefe von Ayano Mutsuko. Es sind Zeugnisse, die sie während ihres Deutschlandaufenthalts für ihre Familie verfasst hat. Die Bespiegelung ist nicht das einzige Reizvolle an diesem Buch.

Das Leseerlebnis wird durch die vorweggeschickte Information eingetrübt, dass Frau Ayano den Abschluss ihres Deutschland-Aufenthaltes nicht erlebt hat: Sie erlag den Verletzungen, die ihr bei einem Raubüberfall zugefügt wurden. Die junge Frau, die man durch die Briefe kennenlernt, ist ein offener, lebensfroher, kommunikativer Mensch, dessen Lebensmut und Lerneifer bezaubert. Mit der beklemmenden Nachricht jedoch lesen sie sich bittersüß.

Hilaria Gössmann und Maren Haufs-Brusberg (Hrsg.) „als hättest du ein Stück Japan eingepackt“. Briefe von Mutsuko Ayano aus ihrer Studienzeit in Deutschland. München: Iudicium 2020.

Während ihre ersten Briefe noch durch typische Kulturschock-Erlebnisse geprägt sind, nimmt die junge Studentin die Komplexität der deutschen Gesellschaft im Verlauf der Ereignisse spürbar stärker wahr. Zu Beginn sind die Geschlechterverhältnisse ein Thema, das sie viel beschäftigt. Sie fühlt sich gezwungen zu erklären, dass es nichts „Unsittliches“ habe, wie in Deutschland unverheiratete Paare zusammenleben. Später treten diese Beobachtungen in den Hintergrund, und die zunehmende Tiefe der Reflexion auch zu ihrer eigenen Person ist spannend mitzuerleben.

Die Briefe wurden in Japan bereits herausgegeben, die deutsche Übersetzung entstand aus Rohübersetzungen von Studierenden der Universität Trier. Ihr lebhafter und zeitgemäßer Stil liest sich natürlich, die gelegentlich in Klammern eingefügten Ergänzungen stören nur wenig. Die Einleitung bettet das Leseerlebnis ein, und bevor man die Gelegenheit hat, sich „befremdet“ zu fühlen, wird diese Erfahrung, mit Bitte um kulturelle Offenheit, abgefedert. Dankenswerterweise erhält man auch kleine Einblicke in die Übersetzungs-Prinzipien. Ebenfalls interessant ist, die Briefe der anderen aus dem, was Frau Ayano geschrieben hat, zu rekonstruieren – gerade wie in einem Briefroman.

Zunächst mag es bemerkenswert scheinen, wie das Vermächtnis einer jungen Studentin gewürdigt wird – sogar eine Straße wurde in Trier nach ihr benannt. Wer den Briefwechsel gelesen hat, ahnt den Grund: Ihre Liebenswürdigkeit strahlt schon durch die Briefe und ihre Begeisterungsfähigkeit ist anstreckend. Es ist daher kein Wunder, dass vielen Menschen daran gelegen war, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen – schön, dass hier ein weiterer Schritt dazu getan wurde.

Die Tage mit Vater / Chichi to kuraseba im Ekô-Haus Düsseldorf

Das Ekô-Haus in Düsseldorf zeigt m 29. 10. um 14 Uhr Inoue Hisashis Drama “Chichi to kuraseba”, zu deutsch als “Die Tage mit Vater” oder “Das Gesicht des Jizô” bekannt. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, diesen Film in Deutschland zu sehen.

https://www.eko-haus.de/de/veranstaltungen-und-kurse/kulturelle-veranstaltungen/302-film_jizo.html

Aufbruch zu alten Ufern

Mori-Ôgai-GedenkstätteSeit Juni 2020 habe ich das große Vergnügen, an der Mori-Ôgai-Gedenkstätte als Referentin für Bildungsarbeit tätig zu sein. Ich freue mich sehr, zu meinem Forschungsgegenstand zurückzukehren und nun viel tiefer eintauchen zu können, zusammen mit dem wissenschaftlichen Leiter Dr. Harald Salomon, unserer Recherche-Mitarbeiterin und den SHKs Veranstaltungen zu planen, Texte zu erschließen, Medien und Räume zu gestalten.

Am liebsten hätte ich hier auch gleich den Termin unserer Öffnung nach der Pandemie-bedingten Schließung preisgegeben, aber da der nicht absehbar ist, gibt es heute nur diese kleine Ankündigung. Wer hier nicht schon genug über mich gelesen hat, kann sich den Vorstellungstext im aktuellen Newsletter des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin ansehen, in dem auch die Verabschiedung der ehemaligen Kuratorin der Stätte zu finden ist. Im Herbst gibt es hoffentlich auch wieder die Gelegenheit, persönlich in der Luisenstraße 39 vorbeizuschauen.

Szczygiel: Social Visibility of Excrement in Japan

Manche verpasste Chance lässt sich nicht nachholen im Leben. Seit mir 2011 von allen Seiten abgeraten wurde, eine kulturwissenschaftliche Dissertation über den Umgang mit Exkrementen in Japan zu schreiben (“Nicht, wenn Sie an der Uni etwas werden wollen!”), trauerte ich diesem abgebrochenen Zweiglein meines Forschungsbaums ein wenig nach. Um so mehr freue ich mich, wenn andere Forscher forscher sind und diese Arbeit in Angriff nehmen.

So Dr. Marta E. Szczygiel, Post Doc an der soziologischen Fakultät der Tokyo Universität. Vor drei Jahren habe ich am quantitativen Teil ihrer Studie teilgenommen; einer Umfrage mit dem Titel “Discovery of Embarrassment: Social and Cultural Construction of Excrement in Japan. Foreigners’ Attitudes Toward Manifestations of Excrement in Japan”. Nun erschien der daraus hervorgegangenen Aufsatz “Understanding Relatively High Social Visibility of Excrement in Japan” in der Zeitschrift Silva Iaponicarum fasc. 60/61.

Silva Iaponicarum’s special issue on Taboos in Japan

Der Aufsatz ist unterhaltsam und lesenswert, gerade, wenn das Thema noch unbekannt ist. Szczygiel kontrastiert europäisch-amerikanische und japanische Haltungen zum Thema und zeigt viele Beispiele. Doch mir scheint, auf die Frage, warum in Japan das Thema Ausscheidung so wenig tabuisiert wird, gibt der Artikel nur oberflächliche Antworten. Eine Fährte ist die weit verbreitete Beobachtung von Fäkalien unter gesundheitlichem Aspekt, die Szczygiel bis in die Meiji-Zeit zurückverfolgt.

Doch auch in der Edo-Zeit, wie inzwischen in vielerlei japanischer Forschung gut dokumentiert, gab es intensive Auseinandersetzung, Illustration, Regulation, Scherz und Kommerz mit den menschlichen Ausscheidungen und Flatulenz. Allein vom hinterbliebenen Textvolumen ist davon auszugehen, dass diese Themen auch damals schon lockerer angegangen wurden als hierzulande.

Zugegeben, die Frage des “warum” ist keine leichte und lässt sich vermutlich nicht abschließend klären. Bis dahingehende Forschung erschienen ist, ist der obige Artikel schon einmal kein schlechter Anfang.

Ich war in Heidelberg

In einem Naturkosmetikladen in Heidelberg gibt es diese Postkarte zu erstehen:

Das wirft so viele Fragen auf.

  • Wer ist die Zielgruppe? Japanische Touristen, die verstehen, dass da in ungelenker Ausdrucksweise “Ich war in Heidelberg” steht – ein Satz, der so nie auf einer in Japan produzierten Postkarte stehen würde?
  • Warum dann kein Bild von Heidelberg? Wirklich Kirschblüten-Japanflagge und dieser Satz?
  • Oder richtet sich die Karte doch an Deutsche? Die hängen sie sich an die Pinnwand und denken, da steht: “In der Ruhe liegt die Kraft”?
  • Wenn sie aber an Deutsche gerichtet ist, womöglich an Heidelberger, warum jagt man dann “Ich war in Heidelberg” durch die Übersetzungsmaschine?

Die Naturkosmetik da ist zum Glück völlig in Ordnung.