Reiseberichte aus alter Zeit sind bekanntermaßen eine wichtige Quelle japanologischer Forschung. Fritz Kummer, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Japan bereiste, kann nicht mit einem besonders alten Bericht bestechen. Es lohnt sich trotzdem, einen Blick in seine Aufzeichnungen zu werfen, denn die Perspektive ist zur damaligen Zeit einmalig: Mit nur einem geringen Startkapital ausgestattet, beging er eine Weltreise, die er sich über Arbeit in verschiedenen Fabriken und Kontakte aus der Arbeiterbewegung finanzierte. Dabei hat er Einblick in das Leben anderer Arbeiter und sozialistische Organisationen, ab und zu auch unfreiwilligen Kontakt mit der Polizei. In Japan zeigt er die Arbeitsbedingungen der Ärmsten auf wird nach Yoshiwara, dem Rotlichtbezirk Tokyos, eingeladen.
Philologe ist kein Beruf, mit dem sich das große Geld machen läßt. Wie viele interessieren sich schon dafür, was Goethe wann zu Eckermann sagte? Wir ahnen: viele werden es nicht sein. Das dachte sich wohl auch Gero von Wilpert – sonst eher für seine umfangreichen Nachschlagewerke zur deutschen Klassik bekannt. Es kann nur geraten werden, was ihn dazu trieb, das Buch Die 101 wichtigsten Fragen: Goethe zu verfassen: Wollte er die Massen erreichen? Hatte er Informationsabfall, der noch verwertet werden mußte? War er jung und brauchte das Geld?
Von letzterem kann abgesehen werden, obwohl es vielleicht das am leichtesten zu verzeihende wäre. Das reizende und leicht entschuldigende Vorwort des Buches hätte mich fast davon abgehalten, es hier vorzustellen – ich schreibe »vorzustellen«, da hier ein Zitat jegliche Parodie erübrigt. Beginnen wir mit einem Blick in die »Top Ten«, also die laut von Wilpert 10 wichtigsten Fragen an Goethe:
Aber haben Sie es auch gelesen? – Mit diesen Sätzen lockt der japanische Comic Fausuto, Goethes Werk kennen zu lernen.
Faust auf der Bühne aufzuführen ist wegen der inhaltlichen Dichte, aber der losen dramatischen Konstruktion ein keineswegs leichtes Unterfangen. Welche Möglichkeiten bietet ein Comic? Nun, zum einen sind keine Grenzen gesetzt, was die optische Gestaltung, die Darstellung von Zauberei, Hexen und so fort angeht. Ein weiterer Vorteil bei der Umsetzung eines Dramas ist, daß man dabei nicht auf Text verzichten muß – von Bühnenanweisungen abgesehen, hat man den reinen Sprechtext, der sich, so sollte man meinen, gut mit einem Comic, das ebenfalls nahezu ohne erklärenden Text auskommt, verbinden läßt.
Doch bereits da stößt man auf die ersten Probleme. Ein Leser dieser Gattung erwartet Bilderwechsel, bei denen etwas passiert. Wie aber bringt man 127 Verse Monolog, in denen nicht viel mehr passiert, als daß ein Buch aufgeschlagen wird, auf eine Comicseite; wie den Osterspaziergang in eine Sprechblase?

Dieter E. Zimmer: Redens Arten
Bevor man mit einer Übersetzung beginnt, kann es nicht schaden, wenn man sich einmal umsieht, was zur Technik des Übersetzens verfaßt worden ist – schon aber steht man im Bücherwald und weiß nicht ein noch aus. Einen amüsanten Einstieg in die häufigsten Fehler, die beim Übersetzen unterlaufen können, findet sich im Aufsatz „Wettbewerb der Übersetzer. Die einstweilige Unentbehrlichkeit des Humantranslators“ aus Dieter E. Zimmers Essayband Redens Arten.
Der Essay, ursprünglich erschienen in der Zeit im Jahre 1965, behandelt anhand einer unterhaltsamen Anekdote – dem Umstand, das Zimmer 620 Übersetzungen einer Prosaskizze von Graham Greene lesen und die beste auswählen mußte – die 16 häufigsten Probleme, die beim Übersetzen auftreten können. Dieter E. Zimmer ist selbst Übersetzer und hat unter anderem viele Werke Nabokovs aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, so daß er auch seine eigenen Erfahrungen in den Aufsatz einfließen lassen konnte – seine These dabei ist, daß Übersetzungstheorien beim Übersetzen nicht helfen können – statt dessen bietet er einen Leitfaden dafür, was unbedingt zu Vermeiden sei.

Anne Gentes: Evaluation von Übersetzungen
Bei der Arbeit an den Goetheübersetzungen wird eine Beurteilung über die Qualität der Übersetzungen – sei es auch nur indirekt – nicht ausbleiben können. Um das Rad nicht neu erfinden zu müssen, sind daher Bücher für mich interessant, die schon das notwendige Handwerkszeug dafür mit sich bringen, aus dem ich mir dann das ein oder andere Hämmerchen zum Bearbeiten meiner eigenen Texte ausleihen kann. Anne Gentes Untersuchung zur Evaluation von Übersetzungen – am Beispiel von Akutagawa Ryūnosuke: Kappa, das 2004 im iudicium-Verlag veröffentlicht wurde, schien da die richtige Wahl, denn schließlich verspricht es zu zeigen, wie man Übersetzungen bewerten kann.

Guo Moruo: Kindheit
Eine der spannendsten Zeiten in der Geschichte Chinas ist die Periode rund um die Vierter-Mai-Bewegung. Der Untergang einer Jahrtausende alten Kaiserherrschaft, der sog. Boxeraufstand, Kontakte mit dem Ausland und das langsame politische und geistige Erwachen Chinas sind alles interessante historische Ereignisse, über die man in Geschichtsbüchern viel lesen kann. Daß aber auch eine Autobiographie zur Illustration der Zeit einen anschaulichen Beitrag bieten kann, zeigt das folgende Buch.
Eine der wichtigsten Figuren diese Zeit als politischer Akteur und meinungsschaffender Intellektueller war Guo Moruo. Außerdem war er ein bedeutender Schriftsteller mit brilliantem Gedächtnis und hat mit diesen beiden Fähigkeiten der Nachwelt viele autobiographische Schriften hinterlassen. An seiner Biographie, die geradezu exemplarisch für die damalige intellektuelle Schicht war, kann man nicht nur die chinesische Geschichte in wunderbar anschaulicher Weise nachvollziehen, sondern bekommt auch einen tiefen Einblick in das Leben Guo Moruos, der bis auf die kleinsten und auch teilweise sehr privaten Details seines Lebens nichts ausläßt. Dabei ist das Buch voller Witz und von so lebendiger Schreibweise, daß man kaum davon ablassen möchte. Die zahlreichen Anmerkungen machen Vorwissen kaum notwendig, so daß auch Chinaunkundige das Buch genießen können.
Guo Moruo. Kindheit
und
Guo Moruo. Jugend
(Beides im Inselverlag erschienen, übersetzt und annotiert von Ingo Schäfer.)


