Verwertung von Exkrementen in der Edo-Zeit

Geheimnisvolle Toilette

Geheimnisvolle Toilette

Edo-Zeit und Fäkalien? Ein Vortrag wie die Faust aufs Auge – auf mein Auge zumindest.

Letzte Woche sprach Prof. Aratake Kenichiro 荒武賢一朗 (Tōhoku Universität) an der Universität Heidelberg über sein Forschungsthema: die Verwertung von Exkrementen in der Edo-Zeit im Raum Osaka. Fäkalien waren in der Edo-Zeit ein teures Handelsgut. Zunächst wurden die Fäkalien von Händlern bei einzelnen Haushalten eingekauft und dann teurer an Bauern verkauft, die sie als Dünger nutzten. Später wurden die Zwischenhändler umgangen und wohlhabende Bauern (und Bootsinhaber) kauften direkt. Etwa alle zwei Wochen wurde die Ware dann in Booten an ihren Bestimmungsort gebracht, wo sie noch einige Zeit aufbewahrt wurde.

Interessanterweise sind heute kaum schriftliche Zeugnisse dieser weitverbreiteten Praxis aufzufinden. Die Haushalte, bei denen gekauft wurde, wurden von Händlern und Bauern in Selbstverwaltung aufgeteilt, so dass es von staatlicher Seite keine Regulationsdokumente gibt. Zwar weiß man, dass Edo-zeitliche Häuser meist zwei Toiletten hatten – eine nur für Männer in der Nähe des Eingangs, eine weitere hinten im Haus – aber über die Benutzungsweise derselben sind keine japanischen Dokumente bekannt. Das Alltägliche wird nicht dokumentiert. Stattdessen wurde Prof. Aratake von einem koreanischen Forscher auf Anleitungen hingewiesen, die frühe koreanische Reisende über die korrekte Benutzung japanischer Klosetts unterwiesen.

Trotz der bereits thematisierten Offenheit gegenüber dem Thema erzählte Herr Prof. Aratake, dass er bei einer anderen Gelegenheit durchaus Skrupel hatte, über das Thema vor Studentinnen einer Frauenuniversität zu sprechen, und dass er gelegentlich mitbekommt, dass andere das Thema für kurios halten. So ganz entspannt geht man auch in Japan nicht mit dem Thema um. Aber immerhin – gehalten hat er ihn auch in der Frauenuni letztlich.

Wer Ambitionen hat, kann in Prof. Aratakes neuem Buch Genaueres nachlesen.

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Nicht die Verwertung, sondern die Verkultung steht bei diesem Prachtexemplar japanischer Toilettenkultur im Mittelpunkt: Toiletten-Fans können sich an diesem Automaten in Tokyo für 300 Yen eine schöne Modelltoilette kaufen. Dank für das Photo geht an Christopher Scholz.

 

Für die Toilette zwischendurch

Für die Toilette zwischendurch

6 Kommentare

  1. Sehr spannender Artikel. Gibt es eine vergleichbare Praxis auch in der europäischen Geschichte? Immerhin ist es ja keine Neuigkeiten, daß sich mit Kot gut düngen läßt – wenn mit Kuhmist, warum dann nicht auch mit menschlichem Abfall?

  2. Menschliche Exkremente wurden auch in Europa zur Düngung benutzt, von so einem komplizierten Handelssystem ist mir aber nichts bekannt. Manche japanische Forscher stellen das als ein besonderes, umweltfreundliches Recyclesystem dar, aber Prof. Aratake meinte, mit Umweltbewußtsein habe das nichts zu tun gehabt. Ich nehme an, dass menschliche Fäkalien in Japan deswegen mehr Bedeutung hatten, weil in der Edo-Zeit vor allem Fisch gegessen wurde und Schweine- und Rinderzucht nicht verbreitet waren.

  3. Tatsächlich faszinierend. Ich frage mich natürlich aufgrund meines Hintergrunds direkt, ob dies eventuell die Verbreitung von Infektionskrankheiten begünstigt haben könnte. Sicherlich waren die hygienischen Bedingungen im vormodernen Japan sicherlich besser als zu so mancher Epoche europäischer Geschichte. Aber die eigenen Exkremente so direkt in die eigene Nahrungskette einzubringen ist ja nicht überall üblich – siehe deinen Kommentar zur Rinder- und Schweinezucht. Hat Pro. Aratake sich dazu geäußert?

  4. Dazu gar nicht, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass er etwas gesagt hätte, wenn es dazu Informationen gäbe.
    Übrigens waren damalige alternative Düngemittel wohl Schrotdüngung und – man stelle sich vor! – Lachsdüngung, also mit geschredderten Lachsen.

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