Unchi – ein Kack-Eintrag

Ein nicht so klassischer Fall von Übersetzungskonflikt begegnet mir, wenn ich einige unserer japanischen Kinderbücher meinem Sohn auf Deutsch “vorlese”. Genauer gesagt geht es um sogenannte “Toiretto treeningu”-Bücher, die kleinen Japanerinnen und Japanern beibringen, wie sie sich von der Windel entwöhnen und allein ihr Geschäft verrichten. Man merkt es schon an der verklemmten Formulierung “Geschäft verrichten”: Alles, was mit dieser Art körperlicher Ausscheidung zu tun hat, ist in Deutschland tabuisiert. Mehr noch: es gibt überhaupt kein neutrales Verb dafür; “scheißen”, “kacken” – Sie haben möglicherweise beim Lesen schon gequält das Gesicht verzogen – möchte man nicht in geschriebener Form sehen. “Koten”? Ich bitte Sie!

Die geringere Tabuisierung wurde mir das erste Mal bewußt, als mich eine mir noch nicht sehr gut bekannte Dame nach ein paar Tagen Japanaufenthalt fragte, wie es nach dem vielen Reisverzehr denn um meine Kacke bestellt sei. (Und ich bitte um Verzeihung, wenn ich dieses Wort meinen werten Lesern nun noch das ein oder andere Mal zumuten muß.) Da ich nicht zu verstehen glaubte, da ich nicht glaubte, was ich da verstand, schlug ich im Wörterbuch nach. Einwandfrei: Ich wurde gefragt, ob meine Kacke hart sei. Etwas verwundert gab ich Auskunft und sah die Frau eine Zeitlang mit etwas anderen Augen als zuvor. Schnell aber stellte sich heraus, daß die Ungezwungenheit, mit der das Thema besprochen wurde, sich nicht auf eine einzelne Dame beschränkt.

Ich könnte lang werden, habe aber vor, das Thema noch einmal an anderer Stelle ausführlicher zu behandeln, weil es das wert ist. Kommen wir zu dem Übersetzungsproblem zurück: In Japan kann man wunderbare Kinderbücher kaufen, die Titel tragen wie “Ich muß kacken!”, “Da ist die Kacke!”, “Alle kacken”, oder “Alleine kacken”. Darin kann man dann ganz ohne Scham gezeichnete Tiere, aber auch Kinder beim Toilettenbesuch sehen. Aus Copyrightgründen kann ich leider nur Cover abbilden, aber die geben vielleicht schon einen Eindruck.

Unchi don!

Unchi-kun to unchiku-jiisan

Unchi da yo

Unko dasuman

Vom Autoren-Duo des obigen Buches “Kacke-Rausholmann” (mit CD) gibt es auch noch ein Buch zum Thema – wie sagt man noch? – “Winde”. In Japan sagt man natürlich unumwunden “Pups”.

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Für meinen Sohn sind die Toilettentrainingsbücher eine motivierende Bereicherung – er verlangt nach diesen Büchern, wenn er auf dem Töpfchen sitzt und kann so gleich die Hygieneregeln, die damit verbunden sind, lernen. Aber wann immer ich sie ihm übesetze, stoße ich an meine Grenzen: “Was für eine Riesenkacke!”, “Oh, diese Kacke ist aber gesund!”, “Komm, wir treffen Herrn Kacke!” sind noch gewöhnliche Sätze. Aber wie übersetze ich z.B. das Lied, das von einem musizierenden Kackehaufenorchester intoniert wird: “Oh, komm zur Toilette, da kommt die Kacke raus, raus, raus!” … Auch für mich ist das ein bißchen gewöhnungsbedürftig.

Ein solches Lied kann man auch auf Youtube sehen. Daß es von passionierten “Japan-ist-ja-so-irre”-Usern mit Untertiteln versehen und in den verschiedenen Versionen fast eine Million Mal angesehen wurde, verwundert Japaner, denen ich es gezeigt habe. Die Toilette sei doch ein ganz natürlicher und wichtiger Teil unseres Lebens! Recht haben sie. Was die Kommentatoren bei Youtube da zum Lachen bringt, ist nicht der Irrsinn der Japaner, sondern ihre eigene Verklemmtheit. Ein unverkrampfterer Umgang macht vielleicht irgendwann, in vielen Jahren, auch die Übersetzung so eines Kinderbuches möglich.

7 Kommentare

  1. Haha, jetzt wo du es sagst. Das ist mir noch nie so aufgefallen. Ich habe damals auch mit meinem Sohn auf Youtube うんち Videos angeschaut. ^^

  2. Im letzten übersetzten Buch von Pratchett gibt es eine sehr schöne Passage. Kommandeur Mumm fährt mitsamt der Familie aufs Land und dort treffen sie auf Fräulein Felizitas Kefer. Eine Kinderbuchautorin, die vornehmlich über Kaka schreibt. Bei einem Treffen gibt es folgende Stelle:

    “Ich sehe Ihren Namen schliesslich mindestens einmal am Tag”, sagte Mumm lächelnd. “Wissen Sie, was mein Junge gestern, als ich ihn ins Bett gebracht habe, gesagt hat? Er sagte: ‘Papa, weißt du warum Kühe große feuchte, schlabbrige Kaka machen, die Pferde aber schöne weiche Knödel, die nach Gras riechen? Ist doch komisch, dass da zwei unterschliedliche Sorten von Kaka rauskommen, obwohl die Tiere ungefähr gleich groß sind und das gleiche Gras fressen, oder Papa? Also die Kaka-Frau sagt, das liegt daran, dass die Kühe einen Wiederkäuer haben, der hilft ihnen dabei alles noch mal zu käuern, aber die Pferde, die haben keinen Wiederkäuer, die käuern irgendwie nicht so viel, deshalb ist ihre Kaka noch eher so wie Gras und stinkt auch nicht so sehr.”
    […]
    “Ich glaube, morgen fragt er seine Mutter, ob er einen Tag sein Essen ganz doll käuern darf und am anderen Tag nur ganz wenig, damit er hinterher überprüfen kann, ob es unterschiedlich riecht. ”

    Fiel mir nur so ein. Es gibt da auch sehr viele heitere Stellen, wo die Bücher von Fr. Kefer beschrieben werden und ihr pädagogischer Inhalt. Sehr amüsant.

  3. Heh, das einzige Kinderbuch, wo Kacke überhaupt vorkommt und das ich kenne, ist “Elefanteneinmaleins” (glaube ich zumindest, dass es drin vorkam, hmmm …).

    Und in den National Parks in Kalifornien gab es auch Kinderausgaben von Büchern, mit denen mensch anhand von Kot die verschiedenen Tiere erkennen konnte. Aber das sind keine Toilettentrainingbücher, natürlich. Ich warte da immer noch, bis jemand von meinen Leuten, die mehr Humor haben, ein Kind kriegt, so dass ich das Buch verschenken kann.

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