Fritz Kummer: Eines Arbeiters Weltreise – Japan

Fritz Kummer: Eines Arbeiters Weltreise

Fritz Kummer: Eines Arbeiters Weltreise

Reiseberichte aus alter Zeit sind bekanntermaßen eine wichtige Quelle japanologischer Forschung. Fritz Kummer, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Japan bereiste, kann nicht mit einem besonders alten Bericht bestechen. Es lohnt sich trotzdem, einen Blick in seine Aufzeichnungen zu werfen, denn die Perspektive ist zur damaligen Zeit einmalig: Mit nur einem geringen Startkapital ausgestattet, beging er eine Weltreise, die er sich über Arbeit in verschiedenen Fabriken und Kontakte aus der Arbeiterbewegung finanzierte. Dabei hat er Einblick in das Leben anderer Arbeiter und sozialistische Organisationen, ab und zu auch unfreiwilligen Kontakt mit der Polizei. In Japan zeigt er die Arbeitsbedingungen der Ärmsten auf wird nach Yoshiwara, dem Rotlichtbezirk Tokyos, eingeladen.

Mein Tokioer Hauswirt gilt in seinen Kreisen als ein geistig weit fortgeschrittener Mann. Er ist ein tüchtiger Arbeiter und wackerer Sozialdemokrat. Seine Familie bietet ein prächtiges Bild häuslichen Glückes. Ein böses Wort habe ich ihn in den langen Wochen meiner Anwesenheit weder seiner Frau, noch Mutter oder Kindern sagen hören. Der jungen Frau wurde von der Schwiegermutter nirgends dreingeredet, und ihr Gatte stand ihr allzeit hilfsbereit zur Seite. Aber dieses Muster von einem fortgeschrittenen japanischen Ehemann hielt es auch für selbstverständlich, daß ihn das Weibchen gehorsamst lächelnd an die Tür begleitete, wenn immer er auszugehen beliebte; daß sie ihn freundlichst empfing, wenn er, ganz gleich zu welcher Zeit, heimzukommen geruhte.

Eines Abends bat ich ihn, mich nach Joschiwara, der Liebesstadt Tokios, zu begleiten. Ich schärfte ihm ein, seiner Frau um keinen Preis das Ziel unseres Ausganges anzudeuten. Diese Vorsicht muß er eines Ehemannes unwürdig gehalten haben, denn er ging spornstreichs zu seiner Frau und teilte ihr unser Vorhaben mit. Er fand es nicht mehr als in Ordnung, daß sie sich emsig an die Vorbereitung seiner Kleidung machte und uns beim Fortgang mit freundlichem Lächeln an die Türe geleitete. Ich hielt mich durch diese Freundlichkeit zu Dankesworten verpflichtet. Das Grinsen meines Begleiters schien sagen zu wollen: wie rückständig, wie unmännlich ihr Europäer doch seid!

Kummers Text ist eine Mischung zwischen angelesenem und erfragtem Wissen, das er zum Vortrag über das Land nutzt, und anekdotenhaft dargebrachten persönlichen Erlebnissen, von denen beide Teile den heutigen Japanbesucher bisweilen stutzen machen, weil sich, obwohl sich in den vergangenen 100 Jahren so vieles verändert hat, doch auch so vieles scheinbar gar nicht veränderte.

Da sein Text inzwischen nicht mehr copyrightgeschützt ist, stelle ich ihn hier gescannt zur Verfügung.

 

Fritz-Kummer_Eines-Arbeiters-Weltreise (PDF)

 

Aus: Fritz Kummer: Eines Arbeiters Weltreise, Leipzig 1986.

Mehr zum Thema:

Groschopp, Horst: Der „proletarische Weltbürger“ Fritz Kummer. Zur deutschen Arbeiterreiseliteratur bis 1933. In: Weimarer Beiträge, Berlin 31(1985)12, S. 2025-2043.

 

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