Szczygiel: Social Visibility of Excrement in Japan

Manche verpasste Chance lässt sich nicht nachholen im Leben. Seit mir 2011 von allen Seiten abgeraten wurde, eine kulturwissenschaftliche Dissertation über den Umgang mit Exkrementen in Japan zu schreiben (“Nicht, wenn Sie an der Uni etwas werden wollen!”), trauerte ich diesem abgebrochenen Zweiglein meines Forschungsbaums ein wenig nach. Um so mehr freue ich mich, wenn andere Forscher forscher sind und diese Arbeit in Angriff nehmen.

So Dr. Marta E. Szczygiel, Post Doc an der soziologischen Fakultät der Tokyo Universität. Vor drei Jahren habe ich am quantitativen Teil ihrer Studie teilgenommen; einer Umfrage mit dem Titel “Discovery of Embarrassment: Social and Cultural Construction of Excrement in Japan. Foreigners’ Attitudes Toward Manifestations of Excrement in Japan”. Nun erschien der daraus hervorgegangenen Aufsatz “Understanding Relatively High Social Visibility of Excrement in Japan” in der Zeitschrift Silva Iaponicarum fasc. 60/61.

Silva Iaponicarum’s special issue on Taboos in Japan

Der Aufsatz ist unterhaltsam und lesenswert, gerade, wenn das Thema noch unbekannt ist. Szczygiel kontrastiert europäisch-amerikanische und japanische Haltungen zum Thema und zeigt viele Beispiele. Doch mir scheint, auf die Frage, warum in Japan das Thema Ausscheidung so wenig tabuisiert wird, gibt der Artikel nur oberflächliche Antworten. Eine Fährte ist die weit verbreitete Beobachtung von Fäkalien unter gesundheitlichem Aspekt, die Szczygiel bis in die Meiji-Zeit zurückverfolgt.

Doch auch in der Edo-Zeit, wie inzwischen in vielerlei japanischer Forschung gut dokumentiert, gab es intensive Auseinandersetzung, Illustration, Regulation, Scherz und Kommerz mit den menschlichen Ausscheidungen und Flatulenz. Allein vom hinterbliebenen Textvolumen ist davon auszugehen, dass diese Themen auch damals schon lockerer angegangen wurden als hierzulande.

Zugegeben, die Frage des “warum” ist keine leichte und lässt sich vermutlich nicht abschließend klären. Bis dahingehende Forschung erschienen ist, ist der obige Artikel schon einmal kein schlechter Anfang.

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