Was hier geschieht, wenn hier nichts geschieht

DoktorfischIn den nächsten zwei Jahren forsche ich an der Universität Osaka für mein Dissertationsthema, das den Arbeitstitel »Gesaku im Schaffen japanischer Schriftsteller der Gegenwart: Inoue Hisashis Beschäftigung mit der Literatur der späten Edo-Zeit« trägt. Genauer geht es dabei um folgendes:

Gesaku, »im Scherz gemacht«, ist ein Überbegriff für verschiedene Arten von Prosa der mittleren und späten Edo-Zeit (1603–1868), die häufig durch einen komplexen Aufbau, Humor und phantasievollen Umgang mit der Sprache gekennzeichnet ist und teilweise obrigkeitskritische Züge trägt. Berühmte Vertreter sind Hiraga Gennai (1728–1780), Santō Kyōden (1761–1816), Jippensha Ikku (1765–1831) und viele weitere. Mit der einsetzenden Meiji-Restauration (ab 1868) wurde diese Literaturform in den Hintergrund gedrängt; die literarische Welt veränderte sich durch den gesellschaftlichen Wandel und westliche Einflüsse; ein ernster Stil setzte sich durch.

Als banal oder vulgär betrachtet, erfuhr gesaku bis heute wenig wissenschaftliche Behandlung. Die Wiederentdeckung begann in der westlichen Forschungsliteratur in den späten siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. In Japan tauchte der Begriff seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verstärkt im Zusammenhang mit einigen zeitgenössischen Schriftstellern auf. Autoren wie Sakaguchi Ango (1906–1955), Nagai Kafū (1879–1959), Kawaguchi Matsutarō (1899–1985), Ishikawa Jun (1899–1987), Inoue Hisashi (1934–2010) oder Tsutsui Yasutaka (1934) wurden von Literaturwissenschaftlern als »Neue gesaku-Schriftsteller« (shin gesakusha) bezeichnet.

Im Mittelpunkt meiner Untersuchung steht die Frage, welche Kontinuitäten und Brüche es in einer Gattung gibt, die von der Literaturgeschichte eindeutig der Frühen Neuzeit zugeordnet wird, die aber in neuer Form in der Literatur der Nachkriegszeit und der Gegenwart eine wichtige Rolle spielt. Sind inhaltliche oder stilistische Merkmale ausschlaggebend für diese Charakterisierung? Welche Anleihen haben Schriftsteller der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart der gesaku-Literatur genommen und welche Funktionen erhalten diese in ihren Werken?

Unter den sogenannten “Neuen gesaku-Schriftstellern” hat sich Inoue Hisashi besonders intensiv mit der gesaku-Literatur auseinandergesetzt und Elemente daraus in sein Werk einfließen lassen. Diese intertextuellen Beziehungen nehmen für die Struktur seiner Texte, aber auch für ihre Interpretation, eine Schlüsselrolle ein – sie aufzudecken und historisch-literaturwissenschaftlich zu erschließen ist ein wichtiges Ziel meiner Dissertation. Als Rahmen wird mir dabei die Terminologie aus Gérard Genettes “Palimpsests” dienen. Dazu soll Inoue in der zeitgenössischen Literaturszene verortet und zu anderen Schriftstellern in Beziehung gesetzt werden, denen ebenfalls das Etikett »Neuer gesaku-Schriftsteller« angeheftet wurde.

Für eine Untersuchung dieser Art ist Inoue prädestiniert, da er in seiner Prosa nicht nur edo-zeitliche Erzählformen und Fabeln aufgreift, sondern sich in seinem kreativen Umgang mit der japanischen Sprache auch populärer Stilmittel dieser Zeit bedient, wie zum Beispiel Wortspielen (goroawase oder dajare) oder Aneinanderreihungen thematisch zusammengehöriger Motive (monozukushi oder fukiyose no jutsu). Genauso tauchen Anspielungen auf klassische Texte (koten no mojiri), die Parodie klischeehafter Standardausdrücke (tsukinami goku no tayō) und Bezüge auf Figuren und Ereignisse der jüngeren japanischen Vergangenheit immer wieder auf. Darüber hinaus hat Inoue eine Vielzahl an Essays[1] und Interviews hinterlassen, in denen er sich mit der gesaku-Literatur und einzelnen Autoren beschäftigte.

Inoues Dramen, Erzählungen, Romane und Essays gehören in Japan zu der meistgelesenen Literatur der Nachkriegszeit und wurden mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet.[2] Trotz seines umfangreichen Werks, seiner Popularität wie auch seiner prominenten Rolle in der Literaturszene (unter anderem als Vorsitzender des japanischen P.E.N.-Zentrums und als Mitglied der Akademie der Künste) ist er bisher nur selten übersetzt[3] und wenig erforscht.

Die Arbeit ist philologisch-literaturhistorisch angelegt. In einem ersten Schritt sollen Merkmale und Besonderheiten der edo-zeitlichen gesaku-Literatur erläutert werden, um auf dieser Basis im zweiten Teil zu zeigen, welche stilistischen und inhaltlichen Parallelen zwischen der Literatur der Edo-Zeit und dem Schaffen der ausgewählten Schriftsteller bestehen. Im Vordergrund des dritten Abschnitts steht Inoues Literaturtheorie, die vor allem in Form von Interviews und Essays vorliegt. Darin soll auch gezeigt werden, was Inoues Werke von denen der Gesaku-Literatur unterscheidet sowie in welcher Weise sie mit Inoues Theorie in Beziehung stehen bzw. ob auch andere, in seinen theoretischen Aufsätzen nicht explizit erwähnte Vorstellungen sichtbar werden.

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[1] Über den wahren Geist von gesaku: »Kyōfushōsha no jiko keisei shi 恐怖症者の自己形成史« (Die Geschichte der Selbst-Gestaltung eines Phobikers), 1977 und »Watashi ni totte no gesaku 私にとっての戯作« (Was gesaku für mich bedeutet), 1978. Zu klassischen Elementen von gesaku: »Kensatsukan e no gyaku kokuhatsu 検察官の逆告発« (Gegenklage an den Staatsanwalt), 1974. Definition des Begriffs parodei in »Parodei shian パロデイ思案« (Gedanken über die Parodie), 1971, »Parodei shigan パロデイ志願« (Der Wille zur Parodie), 1971. Selbstdefinition Inoues im Kontrast zu gesaku-Literaten der Edo-Zeit in: »Kigeki ni yoru kigekiteki jiko kyōseihō 喜劇による喜劇的自己矯正法« (Die komische Methode der komischen Selbstberichtigung), 1971.

[2] Naoki-Preis 1972, Yomiuri Bungaku-Preis 1981, Nihon SF Taishō-Preis 1981, Seiun-Preis 1982, Tanizaki-Junichirō-Preis 1991 u.a.

[3] Die mir bekannten Übersetzungen habe ich in einem separaten Eintrag zusammengestellt.

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