Die Leute aus Shanghai. Guo Moruo in der japanischen Presse

"Shanhai no Hitobito" aus der Yomiuri-Shinbun vom 2. 12. 1927

“Shanhai no Hitobito” aus der Yomiuri-Shinbun vom 2. 12. 1927

Der folgende Artikel stammt aus der Tageszeitung Yomiuri Shinbun vom 2. Dezember 1927 und ist der erste Artikel in der Yomiuri, in dem Guo Moruos Name erwähnt wird. Er gibt auch einen kleinen Einblick darüber, wer die Damen und Herren der Stunde waren – welche chinesischen Literaturschaffenden der japanischen Dichter I Ken (1895-1945), der nach einer Shanghai-Reise über sie eine Serie geschrieben hat, kennenlernen konnte. Der hier übersetzte ist der zweite von drei Teilen.

Im ersten Teil (vom 29. 11. 1927) beschreibt Itō das internationale Flair Shanghais, das ihm außerordentlich gut gefallen habe und, daß er während seines sommerlichen Aufenthalts dort viele Freundschaften geschlossen habe, über die er schreiben möchte. Die Uchiyama-Buchhandlung wird beschrieben, die die erste japanische Buchhandlung in Shanghai und ein beliebter Treffpunkt der dichterischen Intelligenz war. Dort fand er freundliche Aufnahme und hat dem den Laden betreibenden Ehepaar auch ein Gedicht gewidmet. Mit der Beschreibung literarischer Persönlichkeiten beginnt Itō im zweiten Teil.

Der vertraute Schreibstil macht sich nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch bemerkbar: Im ersten Teil beginnt – für das Japanische ungewöhnlich – buchstäblich jeder Absatz mit einem „ich“ (私 watashi); von den letzten Sätzen wird gar jeder einzelne mit dem Personalpronomen angefangen. Die Übersetzung wurde von mir nur insofern mit Anmerkungen versehen, als in Bezug auf Guo Moruo relevante Personen oder Bücher angesprochen wurden. Der dritte Teil vom 3. Dezember 1927 läßt sich inzwischen nachlesen.

Die Leute aus Shanghai – Zweiter Teil

von Itō Ken

Yu Dafu,1 der seit langer Zeit in Japan studiert, ist führender Schriftsteller der chinesischen kommunistischen Strömung. Der junge Kämpfer ist ein kluger Kopf und Sprachgenie. Ich habe seine aktuell fortgesetzte Gesamtausgabe bis zum dritten Band erhalten und versucht, sie schnell zu lesen. Er ist ein zielstrebiger Schriftsteller mit einem äußerst poetischen Zug. Eines Abends habe ich im zweiten Stock der bereits vorgestellten Uchiyama-Buchhandlung mit ihm gemeinsam gespeist und mich dabei ausführlich mit ihm über die chinesische Literatur- und Ideenwelt unterhalten. Er ist ein Mensch mit einem kindlichen Lachen, wie man es heute kaum noch findet. Momentan plane ich, Werke aufstrebender chinesischer Schriftsteller und Dichter zu übersetzen und in Japan vorzustellen, und zuallererst beginne ich mit einem Glanzstück des Namens „Bao Dian“ aus Yus Gesamtausgabe.

Zheng2 ist ein scharfsinniger Schriftsteller der kommunistischen Strömung und zusammen mit seinen Freunden Yu Dafu, Cheng Fangwu,3 Guo Moruo und Wang Duqing Mitglied der Schöpfungsgesellschaft, die „Hochwasser“4 herausgibt. Am Vorabend meiner Rückkehr nach Japan habe ich mich mit ihm über die sozialistischen Bewegungen unterhalten, wobei er mir äußerst viel beibringen konnte.

Wang Duqing ist Dramatiker und Dichter. Er hat bereits Gedichtsammlungen wie „Vor der Madonnenstatue“ und „Vor dem Tode“ publiziert und weiterhin in diesem September das Drama „Der Tod der Yang Guifei“ als fünfzehnte Ausgabe der Buchreihe der Schöpfungsgesellschaft herausgebracht. Ich habe vier oder fünf Sonette aus „Vor dem Tode“ übersetzt und veröffentlicht und hatte den Eindruck, daß es sich um einen überaus emotionsreichen jungen Dichter handele. Das mir jüngst vermachte „Der Tod der Yang Guifei“ habe ich gerade angefangen zu lesen.

Mit Fräulein Bai Wei habe ich nur kurz Grußworte ausgetauscht, deswegen ist mir kein besonders tiefer Eindruck geblieben. Es war eine Dame, die Klugheit ausstrahlte wie ein Kranich. Sie spielt, zusammen mit Lu Yin, im Magazin „Xiaoshuo Yuebao“ eine wichtige Rolle.

Unter den in Shanghai lebende japanische Literaten5 gibt es berühmte Herren wie Ikeda Tōsen, Inoue Kōbai, Shimazu Yosoki. Während ich auch viele Male die Gelegenheit hatte, Herrn Ikeda zu treffen, habe ich ihn letztlich nie getroffen. Er sollte jetzt inzwischen nach Japan gegangen sein.

Da Herr Inoue Kōbai seit diesem Frühling nach Tokyo gegangen ist, dachte ich, daß ich ihn wohl auch leider nicht würde treffen können, doch eines Tages hat Herr Shimatsu Shijiki ihn plötzlich in mein House mitgebracht. Er war vor kaum fünf oder sechs Tagen zurückgekehrt, erzählte er. Herr Inoue erschien wie jemand, der recht viel Laojiu-Wein6 getrunken hatte, aber seine freundliche Natur war ungetrübt. „Ich bin gebürtiger Toykoter, aber als ich neulich im Mai oder April nach Tokyo ging, war selbst das beengte Japan unangenehm geworden – vom Baracken-Tokyo7 ganz zu schweigen, so daß ich wieder ins gute alte Shanghai zurückgekehrt bin“, sagte er und rühmte die belebten, freien Straßen Shanghais. So wie Shimazu Yosoki ist er wohl jemand, der, egal wie arm er ist oder was er macht, sich vom nach Laojiu-Wein duftenden Shanghai nicht trennen kann.

Herr Shimazu Yosoki ist ein berühmter Mann unter den Haiku-Dichtern der neuen Richtung, durch und durch Dichterseele und ein Mann, der viel Leid erfahren hat. Als Akutagawa Ryuunosuke nach Shanghai kam, hat er ihm Yangzhou und andere Regionen vorgestellt, und auch, als er im Krankenhaus8 war, freundlich getröstet. Es gibt kaum Literaten, die Shanghai besuchen, ohne von ihm willkommen geheißen zu werden. „Wie lange bleiben die weißen Erinnerungen an die Teeblumen?“ – Das waren seine Abschiedsworte an mich. Ich habe in „Gedichte über die Menschen aus Shanghai“ über ihn geschrieben, aber letztlich konnte ich es ihm nicht zeigen. Wenn ich es plötzlich veröffentlichen würde, würde er wohl die Augen aufreißen und ein Gesicht machen wie in dem Gedicht beschrieben: „Ich bin einsam – weil ich brenne, bin ich einsam“.

Weiter zu Teil 3.

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  1. Yu Dafu 郁达夫 (1896 – 1945) lebte von 1913 – 1922 in Japan, wo er zuerst Medizin, dann Wirtschaftswissenschaft studierte. Seit 1914 verband ihn eine Freundschaft mit Guo Moruo, die jedoch 1927 aus politischen Differenzen zerbrach. []
  2. Gemeint ist Zheng Boqi 郑伯奇 (1895–1979). []
  3. Cheng Fangwu 成仿吾 (1897–1984). []
  4. Hochwasser: 洪水 hongshui. []
  5. Eigentlich: hommes de lettres. []
  6. Laojiu-Wein 老酒 ist eine lang gereifte Sorte von Huangjiu 黄酒 („Gelbwein“) aus Reis, Weizen oder Hirse mit weniger als 20% Alkoholgehalt. []
  7. Tokyo lag noch vom Großen Kantō-Erdbeben am 1. September 1923 in Trümmern. []
  8. Akutagawa hat sich kurz nach seiner Ankunft in Shanghai eine Rippenfellentzündung zugezogen. []

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