Nora Bartels

 
Programmheft des diesjährigen DOTs

Programmheft des diesjährigen DOTs

Mittlerweile stehen Datum, Zeit und Ort meines Vortrags auf dem 31. Deutschen Orientalistentag in Marburg fest. Alle Zuhörer sind herzlich willkommen:

Freitag, 24. September 2010

9-10:30 (Block 3)

Wilhelm-Röpke-Str. 6, Raum 03B07

zu meinem Vortrag mit dem Titel »Ich muß es anders übersetzen: Die Faust-Übersetzungen
von Mori Ōgai und Guo Moruo«.

 

Die Arbeit verwehrt mir momentan längere Einträge, da scheint es genau die richtige Zeit für ein Preisausschreiben. Die schwedische Firma Pictura Graphica brachte 1992 eine Postkarte auf den Markt, die ich seitdem nicht versenden konnte – hatte sich doch ein fabelhafter Übersetzungsfehler hineingeschlichen. Wer ihn findet, bekommt von mir eine Goethesche Weisheit gratis.

Die aufgeklappte Karte birgt das Rätsel:

Continue reading »

 
Möglicherweise sprechen die abgebildeten drei Herren Dialekt

Möglicherweise sprechen die abgebildeten drei Herren Dialekt

Für junge Menschen scheint alles so einfach.

Gut, das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Manches erscheint geradezu unerreichbar: regelmäßiges Arbeiten, eigene Kinder, oder in meinem Fall die Fahrerlaubnis. Aber zu Beginn grenzenlos ist das Vertrauen darin, daß alles auf der Welt übersetzbar sei. Man liest Bücher und Aufsätze, die hartnäckig erklären, kein Text der Welt sei unübersetzbar, und siehe da, es scheint ganz, als hätten Leute, die etwas für unübersetzbar erklären, einfach nicht die rechte Mühe aufgewendet.

Vielleicht ist es sogar vernünftig, auf die Art an die ersten Übersetzungen heranzugehen – andernfalls hätten wir womöglich weitaus weniger ursprünglich fremdsprachige Literatur in unseren Regalen. Irgendwann aber stößt man an die Grenzen des Übersetzlichen, und ein guter Teil der Übersetzer scheint dann schon leidenschaftlich genug bei der Sache, um trotzdem weiterzumachen. Solche Grenzen zeigen sich in ihrer ganzen Länge und schieren Unüberwindbarkeit beim Versuch, Dialekte zu übersetzen.

Continue reading »

 
Inoue Hisashi: Fu fu fu

Inoue Hisashi: Fu fu fu

Inoue Hisashis Werk umfaßt eine Reihe kurzer, oft heiterer Essays, von denen ich hier eines vorstellen möchte. Es stammt aus dem Buch Fu fu fu.

Der längste Name der Welt

Wenn ich an einem Roman oder an einem Drama zu arbeiten beginne, dann sind das, was mir oft unerwartet viele Schwierigkeiten bereitet, die Namen für die auftretenden Figuren. Zum Beispiel wäre „Yamada Hanako1 zu einfach und würde umgekehrt einen starken Eindruck vermitteln. Namen wie „Yamada Shizue“2 gefallen mir, aber sind letztlich veraltet. Und dennoch ist „Yamada Asuka“3 zu modern und nimmt alle Kraft.4

In solchen Momenten beneide ich die Schriftsteller aus Myanmar. Dort braucht man keinen Nachnamen. Genauso wie beim Tenno reicht der Vorname aus. Wenn man die schönen Worte Aung San Suu Kyi5 zusammenfügt, wird daraus ein Vorname. Aung bedeutet „Sieg“ oder „Übertreffen“, San heißt „selten“, Suu bedeutet „ansammeln“ und Kyi „rein“.6 Zusammen ergeben sie einen „von in der ganzen Welt seltener Reinheit überströmenden, vortrefflichen Menschen“. Außerordentlich schön.

Continue reading »

  1. 山田花子. Sowohl Yamada als auch Hanako (weiblicher Vorname) sind sehr häufige japanische Namen. Die übliche Reihenfolge, Familienname vor dem Rufnamen, wurde beibehalten. []
  2. 山田静江 (weiblicher Vorname). []
  3. 山田明日香( weiblicher Vorname), besonders beliebt seit 1999, als die Fernsehserie „Asuka“ mit einer Heldin gleichen Namens ausgestrahlt wurde. []
  4. Die Wendung 気合いを入れるbedeutet in etwa: „sich konzentrieren“, „geistige Kräfte aufbringen“. In diesem Zusammenhang ist sie eher ungewöhnlich. Statt „nimmt einem alle Kraft“ wäre auch eine Paraphrase denkbar, beispielsweise: „und deshalb nicht so eindrucksvoll/eindringlich“. []
  5. Politikerin aus Myanmar, 1945, erhielt 1991 den Friedensnobelpreis, lebt seit vielen Jahre in Gefangenschaft bzw. Hausarrest. Die Umschrift des Namens im Originaltext wird mit dem Katakana-Silbenalphabet vorgenommen: アウンサンスーチー (Romaji: Aunsansūchī). []
  6. In Myanmar werden Namen häufig gebildet, indem man seine Wünsche für die Kinder aneinander reiht. Auch ist es sehr leicht möglich, den eigenen Namen zu ändern und eigene Hoffnungen oder Vorstellungen einfließen zu lassen. []
 
Franz Stassen: Faust in der Szene "Nacht"

Franz Stassen: Faust in der Szene "Nacht"

GUO Moruo ist, vorsichtig ausgedrückt, eine ambivalent wahrgenommene Gestalt der chinesischen Geschichte. Das hat ganz verschiedene Gründe, sei es Guos Mitgliedschaft in der KPCh, seine Rolle in der Kulturpolitik, die Untreue zu seiner ersten, von seinen Eltern vermittelten Frau – die Liste läßt sich fortführen. Ärgerlich wird es, wenn die einmal gefaßte Abneigung in der Beurteilung seines literarischen oder wissenschaftlichen Schaffens durchschimmert.

Ein solches Gefühl überkam mich, als ich Adrian HSIAs Aufsatz „Goethes Faust in vier chinesischen Übersetzungen“ (in: Zur Rezeption von Goethes “Faust” in Ostasien, Hg. A. Hsia u. S. Hoefert, Bern 1993) in die Hand bekam. Dort ist zu lesen:

[Guo] sagt ebenfalls, daß Franz Staffens Illustrationen zum deutschen Faust, herausgegeben von Ludwig Schroeter, eine große Hilfe für ihn gewesen seien, das Werk zu begreifen. Diese Feststellung zwingt zur Nachdenklichkeit, inwiefern ein solches Verständnis handfest sein kann.

Continue reading »

 

Goethe – ein Hans Dampf in allen Gassen, hier zum Beispiel in der guten alten Handyzentrale. Dazu passend: der liebevoll gestaltete Schriftzug des Goethe-Hotels. In München wird die Tradition eben nicht nur gepflegt, sondern der  Zeit angepaßt!

Immer die Nase im Wind: Das Goethe-Hotel und die Goethe-Handyzentrale in München

Immer die Nase im Wind: Das Goethe-Hotel und die Goethe-Handyzentrale in München

 
Guo Moruo widmet am Kindertag, dem 1. Juni 1950, im Gongshan-Park in Peking den Kindern ein Gedicht

Guo Moruo widmet am Kindertag, dem 1. Juni 1950, im Gongshan-Park in Peking den Kindern ein Gedicht

G Mòruò wurde 1892 unter dem Namen Guō Kāizhēn (郭开贞) in einer wohlhabenden Familie in Sichuan geboren. Schon früh begann er, sich für Pantheismus zu interessieren, namentlich für die Ideen des Philosophen Zhuangzi. Nach einer traditionellen, jedoch von Umbrüchen geprägten Ausbildung wurde er mit einer ihm bis dato Unbekannten durch seine Familie in einer arrangierten Hochzeit (包办婚姻 baōbàn hūnyīn) verheiratet. Enttäuscht von seiner Familie, aber auch vor allem von sich selbst, weil er sich wider besseren Wissens auf eine arrangierte Ehe eingelassen hatte, reiste Guō schon wenige Tage später ab und gelangte über verschiedene Zwischenschritte schließlich 1913 nach Japan, wo er ein Medizinstudium begann. Dort lernte er im Sommer 1916 die Japanerin SATŌ Tomiko (佐藤富子), genannt Anna, kennen, die selbst vor einer arrangierten Ehe nach Tokyo geflüchtet war. Sie hatten in den 20 Jahren, die sie zusammen waren, fünf Kinder; die Ehe wurde jedoch von beiden Familien nie akzeptiert.

In Japan war er mit dem naturwissenschaftlichen Teil seines Studiums unglücklich, lernte aber Deutsch, Englisch und Latein und hatte im Deutschunterricht die ersten Kontakte mit Goethe, insbesondere mit „Dichtung und Wahrheit“. Etwa 1918 hat er Werther gelesen und daran gedacht, den Roman zu übersetzen. Im Sommer 1919 begann er die ersten Faust-Übersetzungen, die er bei seinen Besuchen in Shanghai anfertigte. In dieser Zeit schrieb er auch das erste Mal ernsthaft an eigenen Werken und begann, mit seinen Übersetzungen seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Sein in freien Versen geschriebener Gedichtband Göttinnen (女神 nüshén), veröffentlicht 1921, gilt als der Durchbruch einer neuen Lyrik in China.

Continue reading »

 
Jenseits von Weimar

Jenseits von Weimar

»Der Weisheit letzter Schluß ist also bei mir dieses: Man soll Goethe nicht in irgendeiner Übersetzung lesen, sondern immer nur im Originaltext, und zwar in einer ausführlich kommentierten Ausgabe. Es lohnt sich, deswegen die deutsche Sprache zu erlernen. Oder aber vielleicht mache ich für mich persönlich eine japanische Faust-Übersetzung. Sie wird dann sicher meiner Kritik standhalten.«

 
Ein Antiquariat in Jinbo-cho

Ein Antiquariat in Jinbō-chō

Durch ein Kurzstipendium hatte ich die Gelegenheit, vor Fertigstellen meiner Abschlußarbeit noch einmal in Tokyo relevante Literatur zu sammeln. Wenn es auch vom gewöhnlichen Inhalt dieses Journals etwas abweicht, gebe ich gern ein paar Erfahrungen aus dieser Zeit weiter.

Generell ist es wichtig, bereits vor der Anreise Professoren um Empfehlungsschreiben zu bitten und Kontakte mit japanischen Wissenschaftlern herzustellen, da es sonst fast unmöglich ist, Zutritt zu Universitätsbibliotheken zu erhalten. Es versteht sich, daß dafür ein Überblick über die vorhandenen Bibliotheken und ihre Kataloge notwendig wird, um abgleichen zu können, für welche Bibliotheken ein Empfehlungsschreiben sinnvoll ist.

Continue reading »

 

Auf dem diesjährigen Deutschen Orientalistentag (20. – 24. September) werde ich einen Vortrag halten mit dem Titel

Ich muß es anders übersetzen: Die Faust-Übersetzungen von Mori Ōgai und Guo Moruo

Abstract:

Da Goethes Faust in Inhalt, Sprache und Form im europäischen Denken verwurzelt ist, könnte es erstaunen, daß dieses Werk auch in China und Japan beliebt und einflußreich werden konnte, obwohl diese Länder andere historische, religiöse und nicht zuletzt sprachliche Hintergründe haben. Dieses Phänomen ist sicherlich durch die Universalität des Werks selbst zu erklären, und doch war die erste Voraussetzung dafür, daß es übersetzt wurde. Unter den Dichtern und Wissenschaftlern, die Faust in China und Japan bekannt machten, haben Guo Moruo und Mori Rintarō, genannt Ōgai, eine besondere Rolle gespielt.
Aber welchen Goethe lasen Japaner und Chinesen damals? In meinem Vortrag soll der Versuch unternommen werden, die Übersetzungen einer ausgewählten Faust-Passage zu analysieren und dabei zu zeigen, welche Strategien und Techniken die beiden Übersetzer angewendet haben, sowie ob stilistische oder inhaltliche Veränderungen vorgenommen wurden.

Möglicherweise hat ja der ein oder andere Leser die Gelegenheit vorbeizuschauen. Über eine anschließende Diskussion würde ich mich sehr freuen.

Englische Version: Continue reading »

 
Nichts für Zuspätkommende: Nakamura Yoshihiros "Goruden Suramba"

Nichts für Zuspätkommende: Nakamura Yoshihiros "Goruden Suramba"

Jedes Jahr im Februar finden in Berlin Filmfestspiele statt, bei denen man die Gelegenheit hat, Filme aus aller Herren Länder zu sehen. Als gebürtiger Berliner verhält es sich wie mit vielen Attraktionen, die die Stadt zu bieten hat: Man lernt sie erst kennen, wenn Gäste zu Besuch sind. Aus ebendiesem Grund stand ich in diesem Frühjahr dort, wo ich eigentlich niemals hatte stehen wollen: in der langen Schlange der Kartenkaufenden am Potsdamer Platz. Als ich aber an der Reihe war, kam die noch größere Überraschung.

Den Titel des Filmes, den meine Begleitung sehen wollte, hatte ich mir gemerkt und sagte ihn der Verkäuferin. Zu meinem Erstaunen konnte sie den Film in der Datenbank nicht finden und bat mich, Tag und Uhrzeit der Aufführung zu nennen. Glücklicherweise hatte ich mir Notizen gemacht und konnte beides nennen – doch weiterhin erfolglos. Um diese Zeit spielte kein Film namens Golden Slumber. Welcher Film statt dessen spiele? Goruden Suramba.

Continue reading »

 
Tenpō Jūninen no Sheikusupia 天保十二年のシェイクスピア (DVD)

Tenpō Jūninen no Sheikusupia 天保十二年のシェイクスピア (DVD)

Am besten würdigt man einen Schriftsteller, indem man seine Werke bekannt macht. Dieser Eintrag wird ein Gastauftritt in gleich dreifachem Sinne. Zum ersten ist der ausgewählte Text weder von Goethe, Guo oder Mori, sondern von Inoue Hisashi. Zum zweiten habe nicht ich den Text übersetzt, sondern Nina Olligschläger, die eine wissenschaftliche Übertragung des Stückes mit ausführlichem Kommentarteil angefertigt hat, die tatsächlich bis ans Unübersetzliche geht. Zum Dritten ist selbst Inoues Text nur geliehen: Er führt im Stück die Übersetzungen Shakespeares berühmter Worte “To be or not to be. That it the question!” an, die, teils aus der Schwierigkeit, die die Übertragung dieser vielschichtigen Sätze in das Japanische mit sich bringt, teils aus Geltungsdrang, teils aus Unwissen, in unerwarteter Vielfalt in japanischen Übersetzungen aufgetreten sind.

Doch nun viel Spaß mit diesem Auszug aus 天保十二年のシェイクスピア (Tenpō Jūninen no Sheikusupia).

Continue reading »

 

Vor drei Tagen, am 9. April 2010, ist INOUE Hisashi (井上ひさし) im Alter von 75 Jahren an Lungenkrebs gestorben. Obwohl bisher nur sehr wenig von ihm ins Deutsche übersetzt wurde,1 war Inoue einer der führenden japanischen Literaten der Nachkriegszeit.

Er hat aus den reichen Möglichkeiten seiner Sprache geschöpft und war einer der wenigen Schriftsteller, die neben Tiefsinn auch Humor in die japanische Literatur gebracht haben.

  1. Meines Wissens nur: Die Tage mit Vater. Theaterstück (Chichi to kuraseba), Übers. Isolde Asai; Shakespeare als interkulturelle Schnittstelle am Beispiel einer kommentierten Übersetzung von Inoue Hisashis »Tenpō Jūninen no Sheikusupia«, Übers. Nina Olligschläger (unveröffentlicht); Inoue Hisashi: Kalter Krieg, (Szene aus Shōgeki Zenshū) Übers. Stanca Scholz-Cionca. []
 
Faust - Goethe?

Faust - Goethe?

Aber haben Sie es auch gelesen? – Mit diesen Sätzen lockt der japanische Comic Fausuto, Goethes Werk kennen zu lernen.

Faust auf der Bühne aufzuführen ist wegen der inhaltlichen Dichte, aber der losen dramatischen Konstruktion ein keineswegs leichtes Unterfangen. Welche Möglichkeiten bietet ein Comic? Nun, zum einen sind keine Grenzen gesetzt, was die optische Gestaltung, die Darstellung von Zauberei, Hexen und so fort angeht. Ein weiterer Vorteil bei der Umsetzung eines Dramas ist, daß man dabei nicht auf Text verzichten muß – von Bühnenanweisungen abgesehen, hat man den reinen Sprechtext, der sich, so sollte man meinen, gut mit einem Comic, das ebenfalls nahezu ohne erklärenden Text auskommt, verbinden läßt.

Doch bereits da stößt man auf die ersten Probleme. Ein Leser dieser Gattung erwartet Bilderwechsel, bei denen etwas passiert. Wie aber bringt man 127 Verse Monolog, in denen nicht viel mehr passiert, als daß ein Buch aufgeschlagen wird, auf eine Comicseite; wie den Osterspaziergang in eine Sprechblase?

Continue reading »

 
Konnte es nicht mal mit seinen kleinen Brüdern aufnehmen: Mori Ōgai

Konnte es nicht mal mit seinen kleinen Brüdern aufnehmen: Mori Ōgai

Über Mori Ōgai wurde schon viel geschrieben, und deutsche Leser haben das Glück, auf ungewöhnlich viele Informationen Zugriff zu haben, da an der Mori-Ōgai-Gedenkstätte und andernorts seit vielen Jahren an der Publikation seiner Werke und an Schriften über ihn gearbeitet wird. Doch natürlich wird auch in Japan viel publiziert und manchmal sogar etwas, das man nicht ohne weiteres auf deutsch finden wird. So auch die Texte auf der Webseite der Grundschule von Tsuwano, der Heimatstadt von Mori Ōgai.

Im Jahr 2004 haben dort Schüler der fünften Klasse gemeinsam recherchiert und Texte verfaßt, mit denen sie für ihre Stadt werben konnten. Eines der Teams beschäftigte sich mit berühmten Persönlichkeiten des Städtchens, von denen es gar nicht wenig gibt. Mori Ōgai nimmt darunter einen prominenten Platz ein – eine ganze Reihe von Absätzen der Seite beschäftigt sich nur mit ihm. Da sie informativ und unterhaltsam sind, hier eine kleine Auswahl in deutscher Übersetzung.

Continue reading »

© 2011 Bis ans Unübersetzliche Suffusion theme by Sayontan Sinha