Dialekt und Dichtung – Teil 2

Hat gebabbelt: Johann Wolfgang von Goethe

Hat gebabbelt: Johann Wolfgang von Goethe

Guos Moruos Faust-Übersetzung wird mitunter vorgeworfen, daß Wörter daraus aus dem Heimatdialekt Guos, nämlich der Sprache Sichuans, stammen. Das ist sicherlich keine völlig unbegründete Kritik, beschäftigen sich doch gleich die ersten zwei von Goethes Regeln für Schauspieler eben mit dem Gebrauch von Dialekt auf der Bühne:

Dialekt

§ 1

Wenn mitten in einer tragischen Rede sich ein Provinzialismus eindrängt, so wird die schönste Dichtung verunstaltet und das Gehör des Zuschauers beleidigt. Daher ist das Erste und Notwendigste für den sich bildenden Schauspieler, daß er sich von allen Fehlern des Dialekts befreie und eine vollständige reine Aussprache zu erlangen suche. Kein Provinzialismus taugt auf die Bühne! Dort herrsche nur die reine deutsche Mundart, wie sie durch Geschmack, Kunst und Wissenschaft ausgebildet und  verfeinert worden.

§ 2

Wer mit Angewohnheiten des Dialekts zu kämpfen hat, halte sich an die allgemeinen Regeln der deutschen Sprache und suche das neu Anzuübende recht scharf, ja schärfer auszusprechen, als es eigentlich sein soll. Selbst Übertreibungen sind in diesem Falle zu raten, ohne Gefahr eines Nachteils; denn es ist der menschlichen Natur eigen, daß sie immer gern zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehrt und das übertriebene von selbst ausgleicht.
[ Goethe-BA Bd. 17, S. 92-83]

Interessant ist hier unter anderem, daß Goethe davon ausgeht, daß es eine “reine deutsche Mundart” gebe. Und in unserem Zusammenhang außerdem bemerkenswert ist der Umstand, daß sich Goethe zuweilen seines Frankfurter Dialekts bedient und selbst im Faust damit gedichtet hat; anders sind Reime wie: „Oh neige / Du Schmerzensreiche“ (Verse 3587–3589) oder „Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen / Und sich die goldnen Eimer reichen!“ (Verse 449–450) nicht zu erklären. (Goethe, Sämtliche Werke. Münchner Ausgabe / Weimarer Klassik 1798-1806, 640 bzw.  547.) Goethe, man traut es sich kaum zu sagen, hat gebabbelt.  (Wer wissen möchte, wie das geklungen haben mochte, kann sich auf Youtube einen interessanten Hörbeitrag zu Gemüte führen, in dem verschiedene Sorten Hessisch mit viel erheiternden Beispielen vorgestellt werden.)

Ich bin geneigt, angesichts dieses Umstandes nicht allzu hart mit Guos Sichuanismen ins Gericht zu gehen.

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