Drum prüfe, wer etwas zitieret…

Franz Stassen: Faust in der Szene "Nacht"

Franz Stassen: Faust in der Szene “Nacht”

GUO Moruo ist, vorsichtig ausgedrückt, eine ambivalent wahrgenommene Gestalt der chinesischen Geschichte. Das hat ganz verschiedene Gründe, sei es Guos Mitgliedschaft in der KPCh, seine Rolle in der Kulturpolitik, die Untreue zu seiner ersten, von seinen Eltern vermittelten Frau – die Liste läßt sich fortführen. Ärgerlich wird es, wenn die einmal gefaßte Abneigung in der Beurteilung seines literarischen oder wissenschaftlichen Schaffens durchschimmert.

Ein solches Gefühl überkam mich, als ich Adrian HSIAs Aufsatz „Goethes Faust in vier chinesischen Übersetzungen“ (in: Zur Rezeption von Goethes “Faust” in Ostasien, Hg. A. Hsia u. S. Hoefert, Bern 1993) in die Hand bekam. Dort ist zu lesen:

[Guo] sagt ebenfalls, daß Franz Staffens Illustrationen zum deutschen Faust, herausgegeben von Ludwig Schroeter, eine große Hilfe für ihn gewesen seien, das Werk zu begreifen. Diese Feststellung zwingt zur Nachdenklichkeit, inwiefern ein solches Verständnis handfest sein kann.

Das ist nur eine von vielen skeptischen Infragestellungen von Guos Übersetzerfähigkeiten dort, doch gehen wir nur einmal auf diese ein. Als Quelle wird ein vielzitierter Aufsatz von Milena VELINGEROVÁ genannt: „Kuo Mo-jos Übersetzungen von Goethes Werken“ (Archiv Orientální 26, 1958). Man findet:

[Guo] soll auch große Hilfe gefunden haben in der Berliner Ausgabe von Ludwig Schroeter, aus der er übersetzte und die mit Federzeichnungen von Franz Staffen illustriert ist. Diese Illustrationen sollen ihm beim Eindringen in den Sinn des Textes sehr viel geholfen haben.

Dafür wiederum wird „Kuo Mo-jos Übersetzung von Faust II, S. 367“ als Quelle angegeben. Da in meiner Ausgabe von 1978 dieser Kommentar von Guo nicht zu finden ist, kann ich nicht sagen, ob sich Guos Druckerei oder Velingerová in der Interpretation der Frakturschrift geirrt und aus Herrn Stassen einen Herrn Staffen gemacht haben. Es zeigt zumindest, daß niemand Lust verspürt hat, der Sache einmal auf den Grund zu gehen, obwohl das Buch recht weit verbreitet ist.

Die Schroeter-Ausgabe beinhaltet 163 Illustrationen, die eindrucksvoll die wichtigsten Szenen und Figuren aus Goethes Faust bildlich darstellen. Es scheint geradezu ein Zeichen unzureichenden historischen Vorstellungsvermögens, Guo, der zum Zeitpunkt seiner Übersetzung nie eine europäische Bühnenvorführung oder gar Deutschland gesehen hatte, zu verübeln, daß die Darstellungen für ihn hilfreich gewesen sind – man stelle sich umgekehrt einmal vor, man habe beispielsweise den Traum der roten Kammer ins Deutsche zu übersetzen, ohne eine Vorstellung davon, wie die Häuser, Kleidungen oder Zimmer im Qing-zeitlichen China aussahen. Würde nicht jeder eine so reich bebilderte Ausgabe für ein willkommenes Mittel halten, seine bisher nur imaginierten Figuren und Räume mit zumindest der Vorstellungswelt eines Deutschen abgleichen zu können?

Von Guos Faust-Verständnis und Hsias Guo-Verständnis aber lieber zu einigen Illustrationen von Stassen.

Franz Stassen: Vorspiel auf dem Theater

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Franz Stassen: Mein schönes Fräulein, darf ich wagen...

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Franz Stassen: Walpurgisnacht

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Aus: Goethe, Johann Wolfgang von. Faust. Eine Tragödie. Mit 163 Federzeichnungen von Franz Stassen. Berlin: Schroeter 1924.

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