Deckblatt der Briefsammlung: „Tian Shouchang, Zong Baihua, Guo Moruo. Kleeblatt“. (Tian Shouchang ist der Geburtsname Tian Hans)

„Tian Shouchang, Zong Baihua, Guo Moruo. Kleeblatt“. (Tian Shouchang ist der Geburtsname Tian Hans)

Im Sommer 1921 gründeten die Freunde Guo Moruo, YU Dafu, CHENG Fangwu und ZHANG Ziping die Schöpfungsgesellschaft, eine der ersten und bedeutendsten Literaturgesellschaften Chinas. Ihnen allen war gemein, daß sie ein Auslandsstudium in Japan absolviert hatten – Guo Moruo studierte dort Medizin. Produziert wurden die Schriften der Gesellschaft vom Verlag Taidong Shuju (泰東書局) in Shanghai – und fanden schnell weitreichende Verbreitung, so daß unter ihrem Einfluß in kurzer Zeit viele kleine Literaturzirkel im ganzen Land entstanden.

Der schnelle Erfolg der Publikationen gründete sich vor allem auf der Popularität Guo Moruos und Yu Dafus, die dort auch berühmt gewordene Veröffentlichungen machten: Schon im ersten Jahr publizierte Guo Moruo seinen Gedichtband „Göttinnen“ (女神 Nüshen) und seine Übersetzung von „Die Leiden des jungen Werthers“ (少年维特的烦恼 Shaonian Weite de fannao).

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Dez 252009
 

Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Ueberall das Süße spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.

Aber, Fürst, wenn Dir’s begegnet
Und ein Abend so Dich segnet,
Daß als Lichter, daß als Flammen
Vor Dir glänzten allzusammen
Alles was Du ausgerichtet,
Alle die sich Dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.

J. W. v. Goethe – Weihnachtsgedichte von Guo Moruo und Mori Ōgai sind eher spärlich gesät. (Katsumi Tateno-Kracht und Klaus Kracht arbeiten aber, wie man hört, an einem Buch über Weihnachten im Hause Mori – vielleicht also nächstes Jahr an dieser Stelle mehr.)

 
Besser drei Mal überlegen

Besser drei Mal überlegen

Nach all den sprachlichen Problemen, die hier schon behandelt wurden, blieb doch noch ein wichtiger Punkt zu wenig erwähnt: die Übersetzung von Kulturtatsachen und ihre Tücken. Als Anlaß sei ein kleiner Satz zitiert, den man heute in der Bildergallerie der Tagesschau lesen konnte:

In der indischen Stadt Hyderabad töpfert ein Mann ein Ölgefäß für das “Diwali Festival” – Lichterfest, das am 17. Oktober gefeiert wird. Das Festival erinnert an den Hindugott Lord Rama, der nach 14 Jahren im Exil in seine Heimatstadt Ayodhya zurückgekehrt ist. Das Lichterfest gleicht dem deutschen Weihnachten und Silvester in einem.

Das Lichterfest gleicht natürlich nicht dem deutschen Weihnachten und Silvester in einem. Und um das zu wissen, muß man das Lichterfest noch nicht einmal kennen, sondern nur einen einzigen Dezember in Deutschland verbracht haben.

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Melanchthonianum der Universität Halle

Melanchthonianum der Universität Halle

In diesem Jahr wurde der alle drei Jahre stattfindende Japanologentag in der Martin-Luther-Universität Halle ausgerichtet, und Japanologen kamen von hüben und drüben, um ihre Forschungsergebnisse zu präsentieren. Freilich haftet solchen Veranstaltungen immer ein Hauch von Schaubudenhektik an: Es gilt schließlich, in zwanzig Minuten seine letzten Forschungsjahre zusammenzufassen, für Uneingeweihte aufzubereiten und – so vorhanden – die spannenden Aspekte herauszustellen. Daß diese Forschung sich auch eher selten mit den vorgegebenen Themen deckt, hindert natürlich nicht am Vortrag – Schlagwörter haben schließlich lange Haare, an denen man sie in solchen Situationen gut herbeiziehen kann.

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Sep 122009
 
"China provoziert Gastgeber" Screenshot der Tagesschau-Webseite vom 12. 09. 09

"China provoziert Gastgeber" Screenshot der Tagesschau-Webseite vom 12. 09. 09

“China provoziert Gastgeber” lautet die Überschrift zu einem Video, das man heute auf den Seiten der Tagesschau sehen kann. Tendenziöse Berichterstattung, wie man sie in Deutschland gewöhnt ist, so bald (nicht nur) über China gesprochen wird. Dabei ist in nichts peinlich, selbst nicht, daß die Überschrift durch das dazugehörige Video kompromittiert wird. Dort wird nämlich gezeigt, daß – als für die VR problematisch bekannte – “regimekritische” Schriftsteller Dai Qing und Bei Ling, die vorher offiziell ausgeladen waren, “im letzten Moment” doch noch eingeladen worden sind und das Programm kurzfristig geändert wurde. Petra Roth (CDU), Oberbürgermeisterin von Frankfurt am Main mußte auch noch einmal ihre rechtstaatliche Aufrichtigkeit beweisen und die Buchmesse “für fehlende Standhaftigkeit gegenüber den chinesischen Behörden” kritisieren – natürlich in aller Öffentlichkeit und vor dem chinesischen Komitee. Schließlich wurden die beiden kurzfristig eingeladenen Schriftsteller auch noch für ein Statement auf die Bühne geladen, worauf das chinesische Komitee den Saal verließ, um allerdings wenig später wieder zurück zu kehren. – Eine unerhörte Provokation also, wie man in der Tagesschau beflissen berichtet. Continue reading »

 
Guo bei der Arbeit

Guo bei der Arbeit

Wenn vielleicht kaum überrascht, daß Goethe China für sich entdeckt hat1, bevor China Goethe entdeckte, verwundert doch, daß die erste nachweisbare Übersetzung eines Goethetextes in die chinesische Sprache erst vor weniger als 100 Jahren publiziert wurde. Schon ein Jahrzehnt später sollte Goethe aber der beliebteste, meistgelesene und meistübersetzte ausländische Dichter in China sein und ein wesentliches Element bei der Entwicklung einer neuen Literatur nach dem Ende der Kaiserzeit. Es lohnt sich daher, genauer zu betrachten, was Goethe in dieser Phase chinesischer Geschichte so schlagartig hat populär werden lassen, und mit diesem Vorgang ist, wie hier gezeigt werden soll, untrennbar der chinesischen Schriftsteller, Geisteswissenschaftlicher, Naturwissenschaftler, Übersetzer, Kalligraph, Revolutionär und Staatsmann Guo Moruo verbunden. Denn obwohl Goethe und sein Werk viele chinesische Dichter in den zwanziger und dreißiger Jahren inspirierten, war es Guo, der am tiefsten in seinem Denken und Schaffen von Goethe beeinflußt war und der ihn durch seine Übersetzungen und Veröffentlichungen in China bekanntmachte.2

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Goethe 1819

Goethe 1819

Wenn auch mannigfaltige Aufgaben mich daran hindern, heute Eigenes zu veröffentlichen, möchte ich doch der Allgemeinheit einen kleinen Dienst tun und die bisher im Internet nicht auffindbaren Übersetzungen chinesischer Gedichte, die Goethe in dem Aufsatz Chinesisches 1827 in Über Kunst und Altertum veröffentlichte hier austellen. Die enthaltenen Gedichte übersetzte Goethe aus Thoms’ englischer Fassung The Song of a Hundred Beautiful Women.

Chinesisches

Nachstehende, aus einem chrestomathisch-biographischen Werke, das den Titel führt: „Gedichte hundert schöner Frauen”, ausgezogene Notizen und Gedichtchen geben uns die Überzeugung, daß es sich trotz aller Be­schränkungen in diesem sonderbar-merkwürdigen Reiche noch immer leben, lieben und dichten lasse.

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Nicht nur in europäischen Gefilden betreibt man Bilderstürmerei – ob nun mit bösen Absichten oder im Glauben, Goethe verbessern zu müssen oder können. Der chinesische Dramatiker Shenlin (沈林) konnte mit seinem Stück “Faust. Eine Raubkopie” (盗版浮士德) große Erfolge auf der Pekinger Bühne verzeichnen, wo es zu Goethes 250. Geburtstag uraufgeführt wurde. Es ist ein wildes Sammelsurium aus Originaldialogen (z.B. der Kerkerszene), anderen Versatzstücken über Goethe mit einer starken, bis ins Lächerliche gezogenen Modernisierung (Mephisto als Fernsehregisseur, Gretchen als Praktikantin, Faust im Auftrag der NASA auf dem Mond…). Die Verflachung ist vorprogrammiert – aber sehen wir anhand eines kurzen Ausschnittes, den ich übersetzt habe, selbst nach, was man im 21 Jhd. unter dem Namen “Faust” schreiben und aufführen kann.

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Dieter E. Zimmer: Redens Arten

Dieter E. Zimmer: Redens Arten

Bevor man mit einer Übersetzung beginnt, kann es nicht schaden, wenn man sich einmal umsieht, was zur Technik des Übersetzens verfaßt worden ist – schon aber steht man im Bücherwald und weiß nicht ein noch aus. Einen amüsanten Einstieg in die häufigsten Fehler, die beim Übersetzen unterlaufen können, findet sich im Aufsatz „Wettbewerb der Übersetzer. Die einstweilige Unentbehrlichkeit des Humantranslators“ aus Dieter E. Zimmers Essayband Redens Arten.

Der Essay, ursprünglich erschienen in der Zeit im Jahre 1965, behandelt anhand einer unterhaltsamen Anekdote – dem Umstand, das Zimmer 620 Übersetzungen einer Prosaskizze von Graham Greene lesen und die beste auswählen mußte – die 16 häufigsten Probleme,  die beim Übersetzen auftreten können. Dieter E. Zimmer ist selbst Übersetzer und hat unter anderem viele Werke Nabokovs aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, so daß er auch seine eigenen Erfahrungen in den Aufsatz einfließen lassen konnte – seine These dabei ist, daß Übersetzungstheorien beim Übersetzen nicht helfen können – statt dessen bietet er einen Leitfaden dafür, was unbedingt zu Vermeiden sei.

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Jul 232009
 
Chinesisches Reimwörterbuch

Chinesisches Reimwörterbuch

Romanisierung, das heißt Umschreiben von Schriftzeichen in die lateinische Schrift, kann sowohl für chinesische als auch für japanische Texte eine nervenzermürbende Übung sein. Gerade bei Gedichten und natürlich auch bei Versdramen ist aber neben der Übertragung des Inhalts auch die der Form ein interessanter Untersuchungsgegenstand, und ein Rhythmus läßt sich nur dann feststellen, wenn man weiß, wie diese Zeichen eigentlich ausgesprochen werden sollen – man kommt also nicht um die Romanisierung.

Dem Übersetzer stellen sich auf seinem Weg nach Rom allerdings einige Hindernisse: An einem chinesischen bzw. sino-japanischen Schriftzeichen läßt sich nämlich nicht die Aussprache, nur bestenfalls der Sinn ablesen. Auch, wenn einige Zeichen lautbeschreibende Elemente haben, so hat sich die Sprache in den über 3000 Jahren chinesischer Schriftgeschichte inzwischen so weit verändert, daß es nicht mehr möglich ist, die genaue Aussprache oder gar den Ton oder Tonhöhenakzent daran abzulesen. Dafür gibt es ja die Wörterbücher, möchte man meinen: doch schon im Chinesischen, in dem es doch für ein Zeichen heute selten mehr als eine Aussprache gibt, kommt man da schnell in Schwierigkeiten.

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Gentes: Evaluation von Übersetzungen

Anne Gentes: Evaluation von Übersetzungen

Bei der Arbeit an den Goetheübersetzungen wird eine Beurteilung über die Qualität der Übersetzungen – sei es auch nur indirekt – nicht ausbleiben können. Um das Rad nicht neu erfinden zu müssen, sind daher Bücher für mich interessant, die schon das notwendige Handwerkszeug dafür mit sich bringen, aus dem ich mir dann das ein oder andere Hämmerchen zum Bearbeiten meiner eigenen Texte ausleihen kann.  Anne Gentes Untersuchung zur Evaluation von Übersetzungen – am Beispiel von Akutagawa Ryūnosuke: Kappa, das 2004 im iudicium-Verlag veröffentlicht wurde, schien da die richtige Wahl, denn schließlich verspricht es zu zeigen, wie man Übersetzungen bewerten kann.

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Jul 092009
 

»Um dem Leser ohne sinologischen Hintergrund einen besseren Zugang zu “Der rote Stein” zu geben, aber auch das Verständnis für die auf den ersten Blick sehr fremden Hintergründe zu erleichtern, wurde bei der Übersetzung besonderer Wert darauf gelegt, auch dem „Anfänger“ in der Welt der asiatischen Literatur einen guten Einstieg zu gewährleisten. So wurden die eher unübersichtliche Personage von 283 auf leserverträgliche dreißig Figuren gekürzt, wobei besonderer Wert auf eine möglichst genaue Beibehaltung aller Beziehungen gelegt wurde. Um das zu erreichen, wurden dementsprechend einige Figuren, die vormals von verschiedenen Personen im Roman verkörpert wurden, gefühlvoll zusammengeschmolzen.

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West-östlicher Divan

West-östlicher Divan

Obwohl Goethe bekanntermaßen aus mancherlei Sprachen übersetzte, hat er sich doch wenig theoretisch zum Übersetzen geäußert; nur hier und da finden sich einzelne Anmerkungen dazu. Der einzige etwas längere Aufsatz über die Kunst des Übersetzens steht im West-östlichen Divan. Bei der Beurteilung von Goetheübersetzungen in andere Sprache ist es sicher nicht uninteressant, was der Autor selbst für eine gute Übersetzung hielt, und so sei auch dieser Aufsatz hier einmal aufgeführt.

Übersetzungen

Da nun aber auch der Deutsche durch Übersetzungen aller Art gegen den Orient immer weiter vorrückt, so finden wir uns veranlaßt, etwas zwar Bekanntes, doch nie genug zu Wiederholendes an dieser Stelle beizubringen.

Es gibt dreierlei Arten Übersetzung. Continue reading »

 
Gretchen stellt ihre Frage

Gretchen stellt ihre gleichnamige Frage

Jedem Übersetzer stellt sich spätestens bei der genaueren Ausformulierung des übersetzten Textes die – um beim Gegenstand zu bleiben – Gretchenfrage: Für wen schreibt man die Übersetzung? Die Antworten können so vielfältig sein wie die Leser: es läßt sich schreiben für sprachliches Fachpublikum, Philologen, Historiker, Ethnologen und so weiter und so fort, nicht zuletzt auch für gänzlich unbedarfte Leser, die sich einfach einen schönen, flüssig zu lesenden Text wünschen.

Die zwei interessantesten Fragen, die man mit einer Rückübersetzung zu beantworten versuchen kann, sind selbstverständlich: Wie gut übersetzt der Autor? und  Wie läßt sich der Originaltext in der Fremdsprache umsetzen? Diese beiden Fragen auf einmal beantworten zu wollen, bringt ein Dilemma mit sich: Möchte man die, womöglich gut gelungene, Übersetzung in ihrer sprachlichen Schönheit darstellen, muß man die Rückübersetzung wiederum in einen wohlklingenden Text verwandeln. Möchte man allerdings möglichst viel vom originalen Satzbau der Übersetzung durchscheinen lassen, so tut man dem Deutschen zwangsläufig, zumal bei entfernten Sprachen, Gewalt an.

Ein Beispiel sei genannt: Der zweite Vers Faustens bekannten Ausspruchs „Da steh’ ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor;“ liest sich, überträgt man den japanischen Satzbau Ōgai Mori Rintarōs Wort für Wort ins Deutsche, wie folgt:

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Prof. Oshio

Prof. Oshio

Professor OSHIO Takashi 小塩節, Germanist und ehemaliger Diplomat, hielt heute in der Japanischen Botschaft einen Vortrag: “Goethe und die Japaner”. Bereits die Wahl des Titels verriet, daß es sich bei der Rede um einen populärwissenschaftlichen Vortrag handeln mußte, denn “den Japanern” begegnet man eigentlich ausgesprochen selten.

In sehr liebevollem Ton und äußerst unterhaltsam rezitierte Prof. Oshio Goethes “Wanderers Nachtlied” in drei Sprachen, hob besonders bewegene Worte und Stimmungen darin hervor und zog einen Vergleich zu Matsuo Bashō, in dem er die These vertrat, daß die beiden Dichter ähnlich “musikalisch” dichteten. Auch streute er Anekdoten aus seiner Zeit als Übersetzer ein, legte eine preisverdächtige Thomas-Mann-Imitation hin und sang mit klarer Stimme drei Lieder. Erfuhr man zwar wenig über “Goethe und die Japaner”, so doch zumindest vieles über “Goethe und den Japaner”.

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