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	<title>Bis ans Unübersetzliche &#187; Übersetztes</title>
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	<description>Arbeits- und Übersetzungsjournal</description>
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		<title>Inoue Hisashi: Der längste Name der Welt</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Jul 2010 08:41:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nora Bartels</dc:creator>
				<category><![CDATA[Inoue Hisashi]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetztes]]></category>

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		<description><![CDATA[Inoue Hisashis Werk umfaßt eine Reihe kurzer, oft heiterer Essays, von denen ich hier eines vorstellen möchte. Es stammt aus dem Buch Fu fu fu. Der längste Name der Welt Wenn ich an einem Roman oder an einem Drama zu arbeiten beginne, dann sind das, was mir oft unerwartet viele Schwierigkeiten bereitet, die Namen für <a href='http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_561" class="wp-caption alignright" style="width: 203px"><a href="http://www.nora-bartels.de/wp-content/uploads/2010/07/fufufu.png"><img class="size-medium wp-image-561" title="Inoue Hisashi: Fu fu fu" src="http://www.nora-bartels.de/wp-content/uploads/2010/07/fufufu-193x300.png" alt="Inoue Hisashi: Fu fu fu" width="193" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Inoue Hisashi: Fu fu fu</p></div>
<p>Inoue Hisashis Werk umfaßt eine Reihe kurzer, oft heiterer Essays, von denen ich hier eines vorstellen möchte. Es stammt aus dem Buch <em>Fu fu fu</em>.</p>
<h3>Der längste Name der Welt</h3>
<p>Wenn ich an einem Roman oder an einem Drama zu arbeiten beginne, dann sind das, was mir oft unerwartet viele Schwierigkeiten bereitet, die Namen für die auftretenden Figuren. Zum Beispiel wäre „Yamada Hanako<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/#footnote_0_558" id="identifier_0_558" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="山田花子. Sowohl Yamada als auch Hanako (weiblicher Vorname) sind  sehr h&auml;ufige japanische Namen. Die &uuml;bliche Reihenfolge, Familienname vor dem Rufnamen,  wurde beibehalten.">1</a></sup> zu einfach und würde umgekehrt einen starken Eindruck vermitteln. Namen wie „Yamada Shizue“<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/#footnote_1_558" id="identifier_1_558" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="山田静江 (weiblicher Vorname).">2</a></sup> gefallen mir, aber sind letztlich veraltet. Und dennoch ist „Yamada Asuka“<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/#footnote_2_558" id="identifier_2_558" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="山田明日香( weiblicher Vorname), besonders beliebt seit 1999, als die  Fernsehserie &bdquo;Asuka&ldquo; mit einer Heldin gleichen Namens ausgestrahlt  wurde.">3</a></sup> zu modern und nimmt alle Kraft.<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/#footnote_3_558" id="identifier_3_558" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Die Wendung 気合いを入れるbedeutet in etwa: &bdquo;sich konzentrieren&ldquo;, &bdquo;geistige  Kr&auml;fte aufbringen&ldquo;. In diesem Zusammenhang ist sie eher ungew&ouml;hnlich.  Statt &bdquo;nimmt einem alle Kraft&ldquo; w&auml;re auch eine Paraphrase denkbar,  beispielsweise: &bdquo;und deshalb nicht so eindrucksvoll/eindringlich&ldquo;.">4</a></sup></p>
<p>In solchen Momenten beneide ich die Schriftsteller aus Myanmar. Dort braucht man keinen Nachnamen. Genauso wie beim Tenno reicht der Vorname aus. Wenn man die schönen Worte Aung San Suu Kyi<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/#footnote_4_558" id="identifier_4_558" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Politikerin aus Myanmar, 1945&ndash;, erhielt 1991 den  Friedensnobelpreis, lebt seit vielen Jahre in Gefangenschaft bzw.  Hausarrest. Die Umschrift des Namens im Originaltext wird mit dem  Katakana-Silbenalphabet vorgenommen: アウンサンスーチー (Romaji: Aunsansūchī). ">5</a></sup> zusammenfügt, wird daraus ein Vorname. Aung bedeutet „Sieg“ oder „Übertreffen“, San heißt „selten“, Suu bedeutet „ansammeln“ und Kyi „rein“.<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/#footnote_5_558" id="identifier_5_558" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="In Myanmar werden Namen h&auml;ufig gebildet, indem man seine W&uuml;nsche f&uuml;r die  Kinder aneinander reiht. Auch ist es sehr leicht m&ouml;glich, den eigenen  Namen zu &auml;ndern und eigene Hoffnungen oder Vorstellungen einflie&szlig;en zu  lassen.">6</a></sup> Zusammen ergeben sie einen „von in der ganzen Welt seltener Reinheit überströmenden, vortrefflichen Menschen“. Außerordentlich schön.</p>
<p><span id="more-558"></span>Russische Schriftsteller haben vielleicht auch Sorgen bei der Namensgebung. Wie Sie wissen, sind russische Namen aufgebaut aus Vorname + Vatersname + Nachname. Das habe ich einmal mißbraucht und ein Stück geschrieben, bei dem viele Russen mit anstrengenden Namen auftreten. Der Vater heißt Alexandr Drachmaninov Urvibakbanowski, die Ehefrau heißt Olga Feufiraktvina Urvibakbanowskaya&#8230;<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/#footnote_6_558" id="identifier_6_558" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Umschrift im Originaltext im Katakana-Silbenalphabet:  アルキサンドール・ドラフマーナヴィッチ・ウルヴィバクバノーフスキー und オーリガ・フェウフィラクトヴナ・ウルヴィバクバーノフスカヤ  (Romaji: Arekisandooru Dorafumaanabicchi Urubibakubanoofusukii und  Ooruga Feufirakutowuna Urubibakubaanofusukaya) Vermutlich gemeinte Namen  in kyrillischer Schrift sind: Александр Дорофеевич Урбибакбановский und  Ольга Феофилактовна Урбибакбановска. Insbesondere beim Nachnamen des  Ehepaares ist es fraglich, ob hier eine reale Vorlage vorhanden war,  oder der Name vom Autor frei erfunden wurde.">7</a></sup> Ich habe mir Sorgen gemacht, daß das die Schauspieler dazu bringt, sich auf die Zunge zu beißen, aber nach einigen Sprechübungen konnten sie es bald fließend aufsagen. Übung macht wahrhaft Meister.<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/#footnote_7_558" id="identifier_7_558" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Original: &bdquo;&Uuml;bung ist wahrhaft erschreckend&ldquo;. Da diese Wendung f&uuml;r deutsche Leser  schwer verst&auml;ndlich ist, wurde hier ein gel&auml;ufigeres Bild gew&auml;hlt.  M&ouml;glich w&auml;ren auch: &bdquo;&Uuml;bung ist wirklich etwas Erstaunliches.&ldquo;, &bdquo;&Uuml;bung  kann wahrhaft erschrecken.&ldquo;.">8</a></sup></p>
<p>Ich interessiere mich also aufgrund meiner Arbeit für die Namen dieser Welt. Soweit ich weiß, ist der Inhaber des längsten Namens der Welt tatsächlich die Königin von England. Der offizielle Name von Königin Elisabeth geht nämlich so: <em>Elizabeth II, by the Grace of God, of the United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland and of Her Other Realms and Territories Queen, Head of the Commonwealth, Defender of the Faith.</em><sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/#footnote_8_558" id="identifier_8_558" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Im Original ebenfalls Englisch belassen, zur Abhebung vom restlichen  Text hier kursiv gesetzt. Zu Deutsch: &bdquo;Elizabeth II., von Gottes Gnaden  K&ouml;nigin des Vereinigten K&ouml;nigreichs von Gro&szlig;britannien und Nordirland  und ihrer &uuml;brigen Reiche und Territorien, Haupt des Commonwealth,  Verteidigerin des Glaubens.&ldquo; Tats&auml;chlich f&uuml;hrt Elisabeth II. in jedem  Land des Commonwealth einen etwas anderen Titel.">9</a></sup></p>
<p>Kürzlich hat der Moderator in einem Quiz-Programm der englischen BBC (British Broadcasting Corporation) die fünfzig Teilnehmer gefragt: „Was ist der offizielle Name der Queen?“,<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/07/inoue-hisashi-der-langste-name-der-welt/#footnote_9_558" id="identifier_9_558" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Obwohl im Original das japanische Wort f&uuml;r K&ouml;nigin, n&auml;mlich 女王 (joō)  benutzt wird, wurde in der &Uuml;bersetzung das Wort &bdquo;Queen&ldquo; anstelle von  &bdquo;K&ouml;nigin&ldquo; gew&auml;hlt, da es der in Deutschland g&auml;ngige Name f&uuml;r die K&ouml;nigin  von England ist.">10</a></sup> doch es gab nicht einen, der richtig geantwortet hätte.</p>
<p style="text-align: right;">Aus: Inoue, Hisashi 井上ひさし. <em>Fu fu fu </em>『ふふふ』 [Geräusch eines leisen Lachens], Kōdansha 講談社 2005.</p>
<p style="text-align: right;">(Übersetzung Nora Bartels)</p>
<p style="text-align: center;">::</p>
<div id="_mcePaste" style="position: absolute; left: -10000px; top: 0px; width: 1px; height: 1px; overflow: hidden;">“</div>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_558" class="footnote">山田花子. Sowohl Yamada als auch Hanako (weiblicher Vorname) sind  sehr häufige japanische Namen. Die übliche Reihenfolge, Familienname vor dem Rufnamen,  wurde beibehalten.</li><li id="footnote_1_558" class="footnote">山田静江 (weiblicher Vorname).</li><li id="footnote_2_558" class="footnote">山田明日香( weiblicher Vorname), besonders beliebt seit 1999, als die  Fernsehserie „Asuka“ mit einer Heldin gleichen Namens ausgestrahlt  wurde.</li><li id="footnote_3_558" class="footnote">Die Wendung 気合いを入れるbedeutet in etwa: „sich konzentrieren“, „geistige  Kräfte aufbringen“. In diesem Zusammenhang ist sie eher ungewöhnlich.  Statt „nimmt einem alle Kraft“ wäre auch eine Paraphrase denkbar,  beispielsweise: „und deshalb nicht so eindrucksvoll/eindringlich“.</li><li id="footnote_4_558" class="footnote">Politikerin aus Myanmar, 1945<span style="font-size: 12pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">–</span>, erhielt 1991 den  Friedensnobelpreis, lebt seit vielen Jahre in Gefangenschaft bzw.  Hausarrest. Die Umschrift des Namens im Originaltext wird mit dem  Katakana-Silbenalphabet vorgenommen: アウンサンスーチー (Romaji: Aunsansūchī). </li><li id="footnote_5_558" class="footnote">In Myanmar werden Namen häufig gebildet, indem man seine Wünsche für die  Kinder aneinander reiht. Auch ist es sehr leicht möglich, den eigenen  Namen zu ändern und eigene Hoffnungen oder Vorstellungen einfließen zu  lassen.</li><li id="footnote_6_558" class="footnote">Umschrift im Originaltext im Katakana-Silbenalphabet:  アルキサンドール・ドラフマーナヴィッチ・ウルヴィバクバノーフスキー und オーリガ・フェウフィラクトヴナ・ウルヴィバクバーノフスカヤ  (Romaji: Arekisandooru Dorafumaanabicchi Urubibakubanoofusukii und  Ooruga Feufirakutowuna Urubibakubaanofusukaya) Vermutlich gemeinte Namen  in kyrillischer Schrift sind: Александр Дорофеевич Урбибакбановский und  Ольга Феофилактовна Урбибакбановска. Insbesondere beim Nachnamen des  Ehepaares ist es fraglich, ob hier eine reale Vorlage vorhanden war,  oder der Name vom Autor frei erfunden wurde.</li><li id="footnote_7_558" class="footnote">Original: „Übung ist wahrhaft erschreckend“. Da diese Wendung für deutsche Leser  schwer verständlich ist, wurde hier ein geläufigeres Bild gewählt.  Möglich wären auch: „Übung ist wirklich etwas Erstaunliches.“, „Übung  kann wahrhaft erschrecken.“.</li><li id="footnote_8_558" class="footnote">Im Original ebenfalls Englisch belassen, zur Abhebung vom restlichen  Text hier kursiv gesetzt. Zu Deutsch: „Elizabeth II., von Gottes Gnaden  Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland  und ihrer übrigen Reiche und Territorien, Haupt des Commonwealth,  Verteidigerin des Glaubens.“ Tatsächlich führt Elisabeth II. in jedem  Land des Commonwealth einen etwas anderen Titel.</li><li id="footnote_9_558" class="footnote">Obwohl im Original das japanische Wort für Königin, nämlich 女王 (<em>joō</em>)  benutzt wird, wurde in der Übersetzung das Wort „Queen“ anstelle von  „Königin“ gewählt, da es der in Deutschland gängige Name für die Königin  von England ist.</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Ein ängstlicher Mann mit Glatze</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Mar 2010 12:18:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nora Bartels</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ōgai Mori Rintarō]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetztes]]></category>

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		<description><![CDATA[Über Mori Ōgai wurde schon viel geschrieben, und deutsche Leser haben das Glück, auf ungewöhnlich viele Informationen Zugriff zu haben, da an der Mori-Ōgai-Gedenkstätte und andernorts seit vielen Jahren an der Publikation seiner Werke und an Schriften über ihn gearbeitet wird. Doch natürlich wird auch in Japan viel publiziert und manchmal sogar etwas, das man <a href='http://www.nora-bartels.de/2010/03/ein-mann-mit-glatze/'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_372" class="wp-caption alignleft" style="width: 250px"><a href="http://www.nora-bartels.de/wp-content/uploads/2010/03/mori-ogai.jpg"><img class="size-full wp-image-372 " title="Konnte es nicht mal mit seinen kleinen Brüdern aufnehmen: Mori Ōgai" src="http://www.nora-bartels.de/wp-content/uploads/2010/03/mori-ogai.jpg" alt="Konnte es nicht mal mit seinen kleinen Brüdern aufnehmen: Mori Ōgai" width="240" height="240" /></a><p class="wp-caption-text">Konnte es nicht mal mit seinen kleinen Brüdern aufnehmen: Mori Ōgai</p></div>
<p>Über Mori Ōgai wurde schon viel geschrieben, und deutsche Leser haben das Glück, auf ungewöhnlich viele Informationen Zugriff zu haben, da an der Mori-Ōgai-Gedenkstätte und andernorts seit vielen Jahren an der Publikation seiner Werke und an Schriften über ihn gearbeitet wird. Doch natürlich wird auch in Japan viel publiziert und manchmal sogar etwas, das man nicht ohne weiteres auf deutsch finden wird. So auch die Texte auf der <a href="http://www.town.tsuwano.shimane.jp/~tsuwano-syo/gakusyunoyousu.html">Webseite der Grundschule von Tsuwano</a>, der Heimatstadt von Mori Ōgai.</p>
<p>Im Jahr 2004 haben dort Schüler der fünften Klasse gemeinsam recherchiert und Texte verfaßt, mit denen sie für ihre Stadt werben konnten. Eines der Teams beschäftigte sich mit berühmten Persönlichkeiten des Städtchens, von denen es gar nicht wenig gibt. Mori Ōgai nimmt darunter einen prominenten Platz ein &#8211; eine ganze Reihe von Absätzen der Seite beschäftigt sich nur mit ihm. Da sie informativ und unterhaltsam sind, hier eine kleine Auswahl in deutscher Übersetzung.</p>
<p><span id="more-371"></span></p>
<h3>Ōgais Werke</h3>
<p>Bis Ōgai starb, hat er mehr als sieben Werke hinterlassen. Und das sind die repräsentativen Werke, die Ōgai geschrieben hat:</p>
<p>„Maihime“, „Takasebune“, „Seinen“, „Gan“, „Sanshō Dayū“, „Abe Ichizoku“, „Fumizukai“</p>
<p>Wenn man die Seiten dieser Werke zusammenrechnet, sind das 4200 Seiten, und um 4200 Seiten zu schreiben, muß man jeden Tag dreieinhalb Seiten schreiben.<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/03/ein-mann-mit-glatze/#footnote_0_371" id="identifier_0_371" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Die Grundlage dieser Rechnung ist auch der &Uuml;bersetzerin unklar.">1</a></sup> Ōgai war wirklich fleißig. Wenn man ihn mit einem Menschen aus der heutigen Zeit vergliche, wäre er wohl so etwas wie ein Schriftsteller.</p>
<h3>Die Herkunft des Namen Ōgai</h3>
<p>Im Schriftzeichen 鴎 [Ō] des Wortes 鴎外 [Ōgai] war das „メ“ ursprünglich ein 品, doch dieses Zeichen wurde aus der gebräuchlichen Schrift entfernt, deswegen wird heute die abgekürzte Variante 鴎 geschrieben. Seine Bedeutung ist „Möwe“.  Übrigens heißt es, daß man vom Kanchō-Gebäude, das in Ōgais Haus an seinem Geburtsort steht, früher das Meer sehen konnte und [er] deswegen diesen Namen gewählt hat.</p>
<h3>Eine ungewöhnliche Seite Ōgais</h3>
<p>Auf den Photos von Ōgai, die man häufig sieht, ist er zwar nur ein glatzköpfiger Mann, aber früher sah er mit seinem Pagenschnitt aus wie ein Mädchen. Übrigens hat Ōgai über den Kopf seines Vaters ein Gedicht geschrieben.</p>
<p>Ōgai war ein furchtsamer Mensch, der es nicht mal mit seinen jüngeren Brüdern aufnehmen konnte. Ōgai hat sein Leben ängstlich verbracht.</p>
<p>Es heißt, daß Ōgai das Kanchō-Haus<sup> </sup>sehr mochte. Man weiß aber nicht, was er dort gemacht hat.</p>
<h3>Was Ōgai gern mochte</h3>
<p>Ōgai hat ein Manjū<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/03/ein-mann-mit-glatze/#footnote_1_371" id="identifier_1_371" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ein zumeist mit einem Mus der s&uuml;&szlig;en Azukibohne gef&uuml;llter, ged&auml;mpfter Hefeklo&szlig;.">2</a></sup> auf Reis gelegt, mit grünem Tee begossen und gegessen. Übrigens, das war für Ōgai ein wahnsinnig leckeres Essen. Darüber hinaus gibt es wohl noch allerhand Dinge, die er gerne gegessen hat. Wenn Du denkst, daß das lecker ist, probier es doch einmal!</p>
<p style="text-align: center;">::</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_371" class="footnote">Die Grundlage dieser Rechnung ist auch der Übersetzerin unklar.</li><li id="footnote_1_371" class="footnote">Ein zumeist mit einem Mus der süßen Azukibohne gefüllter, gedämpfter Hefekloß.</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Die Leute aus Shanghai – Fortsetzung</title>
		<link>http://www.nora-bartels.de/2010/02/shanghai-fortsetzung/</link>
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		<pubDate>Wed, 17 Feb 2010 12:52:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nora Bartels</dc:creator>
				<category><![CDATA[Guo Moruo]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetztes]]></category>

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		<description><![CDATA[Erster Teil der Übersetzung: Die Leute aus Shanghai. Guo Moruo in der japanischen Presse ♦ Herr Maeda, der Verwalter des men’s house, in dem ich untergekommen bin, ist ein bekannter Mann in Shanghai; er ist Christ, Unternehmer und ein ziemlich guter Gesprächspartner. In diesem house haben schon Herr Kagawa Toyohiko,1 der Agrarwissenschaftler Herr Dr. Yamazaki <a href='http://www.nora-bartels.de/2010/02/shanghai-fortsetzung/'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_339" class="wp-caption alignleft" style="width: 210px"><a href="http://www.nora-bartels.de/wp-content/uploads/2010/02/shaoxing.png"><img class="size-medium wp-image-339 " title="Laojiu 老酒, japanisch Raochū, ist eine lang gereifte Sorte von Huangjiu 黄酒 („Gelbwein“) aus Reis, Weizen oder Hirse mit weniger als 20% Alkoholgehalt." src="http://www.nora-bartels.de/wp-content/uploads/2010/02/shaoxing-200x300.png" alt="Laojiu, japanisch Raochū, ist eine lange gereifte Variante von Huangjiu, ein nicht destillierter Wein aus Reis, Hirse oder Weizen" width="200" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Laojiu 老酒, japanisch Raochū, ist eine lang gereifte Sorte von Huangjiu 黄酒 („Gelbwein“) aus Reis, Weizen oder Hirse mit weniger als 20% Alkoholgehalt.</p></div>
<p>Erster Teil der Übersetzung: <a href="http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/">Die Leute aus Shanghai. Guo Moruo in der japanischen Presse</a></p>
<p>♦</p>
<p>Herr Maeda, der Verwalter des <em>men’s house</em>, in dem ich untergekommen bin, ist ein bekannter Mann in Shanghai; er ist Christ, Unternehmer und ein ziemlich guter Gesprächspartner. In diesem <em>house</em> haben schon Herr Kagawa Toyohiko,<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/02/shanghai-fortsetzung/#footnote_0_338" id="identifier_0_338" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Kagawa Toyohiko (1888&ndash;1960) studierte in Tokyo und den USA. Er war  Schriftsteller, christlicher Reformer, K&auml;mpfer f&uuml;r Arbeiterrechte und  Pazifist.">1</a></sup> der Agrarwissenschaftler Herr Dr. Yamazaki Momoji<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/02/shanghai-fortsetzung/#footnote_1_338" id="identifier_1_338" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Yamazaki Momoji &nbsp;(1890&ndash;1962) ">2</a></sup> und andere übernachtet. Was diesen Kagawa Toyohiko angeht: Er hat von der neuen Shanghaier Gruppe Verachtung erfahren. Ihm leisten nur noch hohe Beamte, reicher Männer Ehefrauen, alte Christen und Spione Gesellschaft. Dr. Yamazaki jedoch promovierte ursprünglich als Lehrer der Dōbun-Shoin-Universität, indem er Laojiu-Wein erforschte und ist eine neue Autorität in Bereich japanischer Bakterien-Fermentierung. (Heute lehrt er an der Gifu Hochschule für Land- und Forstwirtschaft.) Auf der ganzen Welt gibt es niemanden, der Laojiu-Wein so gründlich kennt wie er; er kennt ihn sogar so gut, daß er auch für’s Trinken einen Doktor bekommen sollte. Er ist ein äußerst offenherziger Weltbürger und genau der Typ Mensch, der in Shanghai wohnt. Ich habe von ihm viel über Laojiu-Wein erfahren.</p>
<p><span id="more-338"></span></p>
<p>Weiterhin gibt es in dieser Straße den Meister-Doktor Ishii für Nase, Ohren und Kehlkopf, jemand, der sich mehr als der Wissenschaft der Kunst verschrieben hat; ein höchst angenehmer Mensch. Für den Doktor sind die besten Studienkollegen Wein und Goethe.</p>
<p>Mir wurde von dem emporstrebenden Dichter Ishii Tansui der Shanghai-Dialekt vermittelt, Katsura Hisao<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/02/shanghai-fortsetzung/#footnote_2_338" id="identifier_2_338" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Katsura Hisao: Diese Namenslesung konnte leider nicht best&auml;tigt werden.">3</a></sup> hat mir die Straßen der Stadt vorgestellt, von der Situation der chinesischen Arbeiterbewegung habe ich durch den Arbeiter Hou<em> </em>Myoutera<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/02/shanghai-fortsetzung/#footnote_3_338" id="identifier_3_338" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Hou Myoutera: Die Lesung des ersten Zeichens blieb unklar.">4</a></sup><em> </em>aus<em> </em>der K-Gewerkschaft erfahren und in Chinas politischen Auseinandersetzungen wurde ich vom im M-Zeitungsverlag arbeitenden Dichter Sakada Kan<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/02/shanghai-fortsetzung/#footnote_4_338" id="identifier_4_338" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Sakada Kann: Auch diese Namenslesung ist nicht gewi&szlig;.">5</a></sup> unterrichtet. All diese Menschen sind nun Freunde geworden.</p>
<p>Und ich bin, mit einem Gesicht wie ein waschechter Chinese, nur an Orte gegangen, zu denen ein normaler Japaner überhaupt nicht kommt. Dort habe ich mit Leuten aus verschiedenen Klassen und aller Herren Länder Freundschaft geschlossen. Ich habe vor, über diese Freunde in einer Erzählung zu schreiben.</p>
<p>Ich habe mit einem international tief geprägten Blick das öde Japan kritisiert und auch mich selbst geprüft. Ich bin ziellos nach Shanghai gegangen und habe auch dort unter Schwierigkeiten zu leiden gehabt, aber ich glaube, daß es wirklich eine gute Sache war. Shanghai hat mir ein neues Leben, neue Gedanken und heitere Freunde geschenkt.</p>
<p>Ein Lob auf meine eigene Irrfahrtensucht!</p>
<p style="text-align: center;">::</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_338" class="footnote">Kagawa Toyohiko (1888–1960) studierte in Tokyo und den USA. Er war  Schriftsteller, christlicher Reformer, Kämpfer für Arbeiterrechte und  Pazifist.</li><li id="footnote_1_338" class="footnote">Yamazaki Momoji  (1890–1962) </li><li id="footnote_2_338" class="footnote">Katsura Hisao: Diese Namenslesung konnte leider nicht bestätigt werden.</li><li id="footnote_3_338" class="footnote">Hou Myoutera: Die Lesung des ersten Zeichens blieb unklar.</li><li id="footnote_4_338" class="footnote">Sakada Kann: Auch diese Namenslesung ist nicht gewiß.</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Die Leute aus Shanghai. Guo Moruo in der japanischen Presse</title>
		<link>http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/</link>
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		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 19:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nora Bartels</dc:creator>
				<category><![CDATA[Guo Moruo]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetztes]]></category>

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		<description><![CDATA[Der folgende Artikel stammt aus der Tageszeitung Yomiuri Shinbun vom 2. Dezember 1927 und ist der erste Artikel in der Yomiuri, in dem Guo Moruos Name erwähnt wird. Er gibt auch einen kleinen Einblick darüber, wer die Damen und Herren der Stunde waren – welche chinesischen Literaturschaffenden der japanischen Dichter ITŌ Ken (1895-1945), der nach <a href='http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_328" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.nora-bartels.de/wp-content/uploads/2010/01/shanhainohitobito.png"><img class="size-medium wp-image-328" title="&quot;Shanhai no Hitobito&quot; aus der Yomiuri-Shinbun vom 2. 12. 1927" src="http://www.nora-bartels.de/wp-content/uploads/2010/01/shanhainohitobito-300x172.png" alt="&quot;Shanhai no Hitobito&quot; aus der Yomiuri-Shinbun vom 2. 12. 1927" width="300" height="172" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Shanhai no Hitobito&quot; aus der Yomiuri-Shinbun vom 2. 12. 1927</p></div>
<p>Der folgende Artikel stammt aus der Tageszeitung Yomiuri Shinbun vom 2. Dezember 1927 und ist der erste Artikel in der Yomiuri, in dem Guo Moruos Name erwähnt wird. Er gibt auch einen kleinen Einblick darüber, wer die Damen und Herren der Stunde waren – welche chinesischen Literaturschaffenden der japanischen Dichter I<span style="font-size: 87%;">TŌ</span> Ken (<a href="http://www.geocities.co.jp/CollegeLife-Library/1959/GS/henzin01.htm" target="new"></a>1895-1945), der nach einer Shanghai-Reise über sie eine Serie geschrieben hat, kennenlernen konnte. Der hier übersetzte ist der zweite von drei Teilen.</p>
<p>Im ersten Teil (vom 29. 11. 1927) beschreibt Itō das internationale Flair Shanghais, das ihm außerordentlich gut gefallen habe und, daß er während seines sommerlichen Aufenthalts dort viele Freundschaften geschlossen habe, über die er schreiben möchte. Die Uchiyama-Buchhandlung wird beschrieben, die die erste japanische Buchhandlung in Shanghai und ein beliebter Treffpunkt der dichterischen Intelligenz war. Dort fand er freundliche Aufnahme und hat dem den Laden betreibenden Ehepaar auch ein Gedicht gewidmet. Mit der Beschreibung literarischer Persönlichkeiten beginnt Itō im zweiten Teil.</p>
<p><span id="more-325"></span></p>
<p>Der vertraute Schreibstil macht sich nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch bemerkbar: Im ersten Teil beginnt – für das Japanische ungewöhnlich – buchstäblich jeder Absatz mit einem „ich“ (私 <em>watashi</em>); von den letzten Sätzen wird gar jeder einzelne mit dem Personalpronomen angefangen. Die Übersetzung wurde von mir nur insofern mit Anmerkungen versehen, als in Bezug auf Guo Moruo relevante Personen oder Bücher angesprochen wurden. Der dritte Teil vom 3. Dezember 1927 läßt sich inzwischen <a href="http://www.nora-bartels.de/2010/02/shanghai-fortsetzung/">nachlesen</a>.</p>
<p>♦</p>
<h2>Die Leute aus Shanghai – Zweiter Teil</h2>
<p>von Itō Ken</p>
<p>Yu Dafu,<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/#footnote_0_325" id="identifier_0_325" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Yu Dafu 郁达夫 (1896 &ndash; 1945) lebte von 1913 &ndash; 1922 in Japan, wo er zuerst  Medizin, dann Wirtschaftswissenschaft studierte. Seit 1914 verband ihn  eine Freundschaft mit Guo Moruo, die jedoch 1927 aus politischen  Differenzen zerbrach.">1</a></sup> der seit langer Zeit in Japan studiert, ist führender Schriftsteller der chinesischen kommunistischen Strömung. Der junge Kämpfer ist ein kluger Kopf und Sprachgenie. Ich habe seine aktuell fortgesetzte Gesamtausgabe bis zum dritten Band erhalten und versucht, sie schnell zu lesen. Er ist ein zielstrebiger Schriftsteller mit einem äußerst poetischen Zug. Eines Abends habe ich im zweiten Stock der bereits vorgestellten Uchiyama-Buchhandlung mit ihm gemeinsam gespeist und mich dabei ausführlich mit ihm über die chinesische Literatur- und Ideenwelt unterhalten. Er ist ein Mensch mit einem kindlichen Lachen, wie man es heute kaum noch findet. Momentan plane ich, Werke aufstrebender chinesischer Schriftsteller und Dichter zu übersetzen und in Japan vorzustellen, und zuallererst beginne ich mit einem Glanzstück des Namens „Bao Dian“ aus Yus Gesamtausgabe.</p>
<p>Zheng<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/#footnote_1_325" id="identifier_1_325" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Gemeint ist Zheng Boqi 郑伯奇 (1895&ndash;1979).">2</a></sup> ist ein scharfsinniger Schriftsteller der kommunistischen Strömung und zusammen mit seinen Freunden Yu Dafu, Cheng Fangwu,<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/#footnote_2_325" id="identifier_2_325" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Cheng Fangwu 成仿吾 (1897&ndash;1984).">3</a></sup> Guo Moruo und Wang Duqing Mitglied der <a href="http://www.nora-bartels.de/2009/12/die-schopfungsgesellschaft/">Schöpfungsgesellschaft</a>, die „Hochwasser“<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/#footnote_3_325" id="identifier_3_325" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Hochwasser: 洪水 hongshui.">4</a></sup> herausgibt. Am Vorabend meiner Rückkehr nach Japan habe ich mich mit ihm über die sozialistischen Bewegungen unterhalten, wobei er mir äußerst viel beibringen konnte.</p>
<p>Wang Duqing ist Dramatiker und Dichter. Er hat bereits Gedichtsammlungen wie „Vor der Madonnenstatue“ und „Vor dem Tode“ publiziert und weiterhin in diesem September das Drama „Der Tod der Yang Guifei“ als fünfzehnte Ausgabe der Buchreihe der Schöpfungsgesellschaft herausgebracht. Ich habe vier oder fünf Sonette aus „Vor dem Tode“ übersetzt und veröffentlicht und hatte den Eindruck, daß es sich um einen überaus emotionsreichen jungen Dichter handele. Das mir jüngst vermachte „Der Tod der Yang Guifei“ habe ich gerade angefangen zu lesen.</p>
<p>Mit Fräulein Bai Wei habe ich nur kurz Grußworte ausgetauscht, deswegen ist mir kein besonders tiefer Eindruck geblieben. Es war eine Dame, die Klugheit ausstrahlte wie ein Kranich. Sie spielt, zusammen mit Lu Yin, im Magazin „Xiaoshuo Yuebao“ eine wichtige Rolle.</p>
<p>Unter den in Shanghai lebende japanische<em> </em>Literaten<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/#footnote_4_325" id="identifier_4_325" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Eigentlich: hommes de lettres.">5</a></sup> gibt es berühmte Herren wie Ikeda Tōsen, Inoue Kōbai, Shimazu Yosoki. Während ich auch viele Male die Gelegenheit hatte, Herrn Ikeda zu treffen, habe ich ihn letztlich nie getroffen. Er sollte jetzt inzwischen nach Japan gegangen sein.</p>
<p>Da Herr Inoue Kōbai seit diesem Frühling nach Tokyo gegangen ist, dachte ich, daß ich ihn wohl auch leider nicht würde treffen können, doch eines Tages hat Herr Shimatsu Shijiki ihn plötzlich in mein <em>House </em>mitgebracht. Er war vor kaum fünf oder sechs Tagen zurückgekehrt, erzählte er. Herr Inoue erschien wie jemand, der recht viel Laojiu-Wein<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/#footnote_5_325" id="identifier_5_325" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Laojiu-Wein 老酒 ist eine lang gereifte Sorte von Huangjiu 黄酒 (&bdquo;Gelbwein&ldquo;)  aus Reis, Weizen oder Hirse mit weniger als 20% Alkoholgehalt.">6</a></sup> getrunken hatte, aber seine freundliche Natur war ungetrübt. „Ich bin gebürtiger Toykoter, aber als ich neulich im Mai oder April nach Tokyo ging, war selbst das <strong>beengte</strong> Japan unangenehm geworden – vom Baracken-Tokyo<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/#footnote_6_325" id="identifier_6_325" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Tokyo lag noch vom Gro&szlig;en Kantō-Erdbeben am 1. September 1923 in Tr&uuml;mmern.">7</a></sup> ganz zu schweigen, so daß ich wieder ins gute alte Shanghai zurückgekehrt bin“, sagte er und <strong>rühmte</strong> die belebten, freien Straßen Shanghais. So wie Shimazu Yosoki ist er wohl jemand, der, egal wie arm er ist oder was er macht, sich vom nach Laojiu-Wein duftenden Shanghai nicht trennen kann.</p>
<p>Herr Shimazu Yosoki ist ein berühmter Mann unter den Haiku-Dichtern der neuen Richtung, durch und durch Dichterseele und ein Mann, der viel Leid erfahren hat. Als Akutagawa Ryuunosuke nach Shanghai kam, hat er ihm Yangzhou und andere Regionen vorgestellt, und auch, als er im Krankenhaus<sup><a href="http://www.nora-bartels.de/2010/01/die-leute-aus-shanghai/#footnote_7_325" id="identifier_7_325" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Akutagawa hat sich kurz nach seiner Ankunft in Shanghai eine Rippenfellentz&uuml;ndung zugezogen.">8</a></sup> war, freundlich getröstet. Es gibt kaum Literaten, die Shanghai besuchen, ohne von ihm willkommen geheißen zu werden. „Wie lange bleiben die weißen Erinnerungen an die Teeblumen?“ – Das waren seine Abschiedsworte an mich. Ich habe in „Gedichte über die Menschen aus Shanghai“ über ihn geschrieben, aber letztlich konnte ich es ihm nicht zeigen. Wenn ich es plötzlich veröffentlichen würde, würde er wohl die Augen aufreißen und ein Gesicht machen wie in dem Gedicht beschrieben: „Ich bin einsam – weil ich brenne, bin ich einsam“.</p>
<p style="text-align: center;">♦</p>
<p>Weiter zu <a href="http://www.nora-bartels.de/2010/02/shanghai-fortsetzung/">Teil 3</a>.</p>
<p style="text-align: center;">::</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_325" class="footnote">Yu Dafu 郁达夫 (1896 – 1945) lebte von 1913 – 1922 in Japan, wo er zuerst  Medizin, dann Wirtschaftswissenschaft studierte. Seit 1914 verband ihn  eine Freundschaft mit Guo Moruo, die jedoch 1927 aus politischen  Differenzen zerbrach.</li><li id="footnote_1_325" class="footnote">Gemeint ist Zheng Boqi 郑伯奇 (1895–1979).</li><li id="footnote_2_325" class="footnote">Cheng Fangwu 成仿吾 (1897–1984).</li><li id="footnote_3_325" class="footnote">Hochwasser: 洪水 <em>hongshui.</em></li><li id="footnote_4_325" class="footnote">Eigentlich: <em>hommes de lettres</em>.</li><li id="footnote_5_325" class="footnote">Laojiu-Wein 老酒 ist eine lang gereifte Sorte von Huangjiu 黄酒 („Gelbwein“)  aus Reis, Weizen oder Hirse mit weniger als 20% Alkoholgehalt.</li><li id="footnote_6_325" class="footnote">Tokyo lag noch vom Großen Kantō-Erdbeben am 1. September 1923 in Trümmern.</li><li id="footnote_7_325" class="footnote">Akutagawa hat sich kurz nach seiner Ankunft in Shanghai eine Rippenfellentzündung zugezogen.</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Faustverhunzung made in China</title>
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		<pubDate>Tue, 11 Aug 2009 20:59:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nora Bartels</dc:creator>
				<category><![CDATA[Goethe]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetztes]]></category>

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		<description><![CDATA[Nicht nur in europäischen Gefilden betreibt man Bilderstürmerei &#8211; ob nun mit bösen Absichten oder im Glauben, Goethe verbessern zu müssen oder können. Der chinesische Dramatiker Shenlin (沈林) konnte mit seinem Stück &#8220;Faust. Eine Raubkopie&#8221; (盗版浮士德) große Erfolge auf der Pekinger Bühne verzeichnen, wo es zu Goethes 250. Geburtstag uraufgeführt wurde. Es ist ein wildes <a href='http://www.nora-bartels.de/2009/08/faustverhunzung-made-in-china/'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht nur in europäischen Gefilden betreibt man Bilderstürmerei &#8211; ob nun mit bösen Absichten oder im Glauben, Goethe verbessern zu müssen oder können. Der chinesische Dramatiker Shenlin (沈林) konnte mit seinem Stück &#8220;Faust. Eine Raubkopie&#8221; (盗版浮士德) große Erfolge auf der Pekinger Bühne verzeichnen, wo es zu Goethes 250. Geburtstag  uraufgeführt wurde. Es ist ein wildes Sammelsurium aus Originaldialogen (z.B. der Kerkerszene), anderen Versatzstücken über Goethe mit einer starken, bis ins Lächerliche gezogenen Modernisierung (Mephisto als Fernsehregisseur, Gretchen als Praktikantin, Faust im Auftrag der NASA auf dem Mond&#8230;). Die Verflachung ist vorprogrammiert &#8211; aber sehen wir anhand eines kurzen Ausschnittes, den ich übersetzt habe, selbst nach, was man im 21 Jhd. unter dem Namen &#8220;Faust&#8221; schreiben und aufführen kann.</p>
<p><span id="more-202"></span></p>
<p>Faust：这房间怎么这么幽暗，光！我要光！更多的光！我怎么会枯守这间斗室？但窗外又有什么？不过是永远不变的水泥丛林和穿行其间的芸芸众生。铁架上的稿纸为什么如此黯淡，像车床旁油腻的加工手册？日光灯下，一切都清晰、惨白，像医院的太平间，这竟然是我的世界，我生活其中几十年的世界！这也算是生活？可这就是我的生活！字典、羊皮书、腐烂的拓片、发霉的简牍，成捆成捆的卡片上扎着的皮筋已经老化发黏。沙发后面堆积着一个个空酒瓶，有我的，也有我前任的。那老鳏夫已经长眠地下，虫子像当年这读书人啃书一样正啃着这读书人的脑子。这竟然是我的世界，这竟然就是我生活其中几十年的世界！这也算是生活？可这就是我的生活！</p>
<p>瞧瞧这些瓶瓶罐罐。蝾螈、蜥蜴、蟒蛇、蟾蜍，翻着青白肚皮，它们多像大腹便便的教授。还有癌症标本、畸形的胎儿、猿人头骨、圣徒的指甲，我就终日与他们相伴。这竟然是我的世界，这竟然就是我生活其中几十年的世界！这也算是生活！可这就是我的生活！</p>
<p>看见那些博士论文了吗？一本一本堆得顶到了天花板，冬天阳光照进来，藏蓝书皮儿上烫金的名字就亮了起来，变成一个个模模糊糊的光晕，让人想起黄昏时墓地里一座座石碑。我人还没入土，可这学术墓地里已经有了我的一隅。这竟然就是我的世界，我竟然就是生活其中几十年的世界！这也算是生活！可这就是我的生活！</p>
<p>这些又是什么呢？成绩单、作业、考卷，都摞在这里让蠹虫去咬。咬吧，有人求学、读书、做文章，有人酗酒、吸毒、谈恋爱，读书不过是体面地浪掷青春，而我就教唆人家的子弟浪掷青春。这竟然是我的职业。这竟然就是我的世界，这竟然就是我生活其中几十年的世界！这也算是生活！可这就是我的生活！</p>
<p>（敲门声）</p>
<p>进来，门没锁。Wagner，来来。</p>
<p>Wagner：博士先生，我听到您在朗诵，真是慷慨激昂，一定是国际会议宣读的论文。我想以您为榜样，也走这条道路，特来请教，不多耽误您的时间。</p>
<p>Faust：我的时间，你不来耽误，也是我自己喝酒、看闲书、打笔墨官司浪费掉。</p>
<p>Wagner：我已通过考试，该选论文题目了，想听听您的意见。</p>
<p>Faust：选了什么题目？</p>
<p>Wagner：普鲁旺斯行吟诗人对伊丽莎白宫廷诗的影响。</p>
<p>Faust：好大的题目，简直可以让你这小伙子做到头发花白。我在你这个岁数也觉得一膀子撞过去，就可以把长城撞出个豁口。年老了，觉得能用绣花针在窗纸上扎个窟窿眼就不错了。</p>
<p>Wagner：做小学问多无聊啊？</p>
<p>Faust：无聊才算得上学术规范。看见那本博士论文了？不过是搞清了拜尔德琼斯进入温彻斯特教堂时的年龄。</p>
<p>Wagner：有什么用呢？</p>
<p>Faust：用还是有一点用的。做论文那几年，晚上夫妻并头躺着，夫人就会说：说说你的论文吧，我睡不着。（两人笑，沉默〕</p>
<p>Wagner：先生，给您带来一瓶酒，不知好坏。</p>
<p>Faust：新葡萄酒已经下来了？</p>
<p>Wagner：都入夏了。</p>
<p>Faust：怎么没闻到窗外丁香？</p>
<p>Wagner：哪里还有丁香，好几年前的事儿了。</p>
<p>Faust：过去是一片丁香林呢。风过时，墙外行人都用鼻子捕捉那香气。（Wagner为Faust添满酒杯，远处传来钟声）每年这时候，教堂每天下午都敲钟，钟声悠扬，从窗口飘进来，岁月就随着变得悠长，悠长得都停滞了。我就不觉着时间流走。可现在，不知为什么，四季交替的景象忽然触目惊心了。</p>
<p>Wagner：先生硕学鸿儒，怎么做女儿伤春模样。丁香林没有了，校外还有一处初夏景色，我可以带您去散散心。</p>
<p>Faust：什么样的地方。</p>
<p>Wagner： 一条热闹街道，两旁是酒吧茶馆。</p>
<p>Faust： 好，就去酒吧，正是姑娘们换裙子的时节。</p>
<p>红尘滚滚：电视学者Mephisto</p>
<p>演员：（不着装，以戏外解说人语调）Faust博士离开象牙塔，邂逅了小家碧玉Gretchen。Gretchen，这个马克思赞为最动人的女性形象，是Goethe对古老Faust故事的最大贡献。Faust在魔鬼帮助下获得了她的爱情。为了和Faust幽会，Gretchen把过量的安眠药投给母亲而毒杀了她。哥哥因为阻止她和Faust幽会，死在Faust剑下。Gretchen遭此剧变，精神错乱，溺杀了自己和Faust的婴儿。她拒绝Faust救她出狱的图谋，甘愿受刑，成为这学富五车的唐璜的第一个牺牲品。</p>
<p>Wagner：博士先生，跟你散步非常有益，而且无上光荣。我通常不会单独到此，因为我憎恶一切粗野的举动。划拳、酗酒、喧嚣我最讨厌不过。（两人落座）</p>
<p>Faust：这里倒是闹中取静。</p>
<p>Wagner：我们何不继续书斋中的对话。生命有限，而学海无涯。但是，森林和田野看久了令我生厌，鸟儿的翅膀我也绝不羡慕。 一页页，一本本读书，却让我感到精神在翱翔。翻一页珍贵的羊皮纸古籍，就如同饮下了一瓢甘露，点点滴滴滋润着我的心田。（邻座Mephisto竖起耳朵〕</p>
<p>*</p>
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<p>FAUST: Wieso ist dieses Zimmerer so dunkel? Licht! Ich brauche Licht! Mehr Licht! <span style="color: #993366;">[1] </span>Wie soll ich in diesem kleinen Zimmerchen aushalten? Aber was gibt es draußen schon? Nur den ewig unveränderlichen Zementwald und all die ihn durchlaufenden Sterblichen. Warum ist das Papier auf dem Metallschrank so dunkel wie ein Arbeitshandbuch neben der öligen Drehbank? Im Licht der Neonleuchten ist alles deutlich, totenbleich, gleich der Leichenhalle eines Hospitals, und das nun ist meine Welt. Meine Welt, schon seit ein paar Jahrzehnten. Heißt das etwa Leben? Doch genau das ist mein Leben! <span style="color: #993366;">[2] </span>Wörterbücher, Lederbände, verrottende Steinabreibungen <span style="color: #993366;">[3]</span>, schimmelige Briefe, das die Karten fest zusammenhaltende Gummiband, vom Alter schon klebrig geworden. Hinter dem Sofa häufen sich die leeren Weinflaschen, meine und die meines Vorgängers. Dieser alte Witwer ist schon tot und begraben; wie er einst Bücher verschlang, verschlingen die Würmer nun sein Gehirn. Das nun ist meine Welt. Meine Welt, schon seit ein paar Jahrzehnten. Heißt das etwa Leben? Doch genau das ist mein Leben!</p>
<p>Sieh dir all diese Gläser und Büchsen an. Salamander, Echsen, Schlangen, Kröten, ihre blassen Bäuchen nach oben gedreht, wie gleichen rundbäuchigen Professoren! Dann noch Krebs-Präparate, verformte Embryonen, Knochen von Affenmenschen, die Fingernägel von Heiligen, den ganzen Tag sind sie meine Gesellschaft. Das nun ist meine Welt. Meine Welt, schon seit ein paar Jahrzehnten. Heißt das etwa Leben? Doch genau das ist mein Leben!</p>
<p>Hast du diese Dissertationen gesehen? Eine um die andere türmen sie sich bis zur Decke; wenn im Winter Licht herein scheint, fangen die Zeichen auf den blauen Buchrücken an zu glänzen und ein jedes wird zu einem verschwommenen Lichtkreis, daß man an eine Grabplatte auf dem Friedhof bei Sonnenuntergang denken muß. Man ist noch nicht begraben, doch auf dem akademischen Friedhof steht schon einen Platz bereit. Das nun ist meine Welt. Meine Welt, schon seit ein paar Jahrzehnten. Heißt das etwa Leben? Doch genau das ist mein Leben!</p>
<p>Was ist dies hier? Zeugnisse, Hausaufgaben, Klausuren, das alles türmt sich hier auf und gibt den Motten Futter. Futtert nur, manche Menschen studieren, lesen, schreiben Aufsätze, andere Leute trinken, nehmen Drogen und haben Liebschaften – Lernen ist nur eine würdevolle Verschwendung der Jugend, doch ich lehre anderer Leute Kinder, ihre Jugend zu verschwenden. Das nun ist meine Welt. Meine Welt, schon seit ein paar Jahrzehnten. Heißt das etwa Leben? Doch genau das ist mein Leben!</p>
<p>(<em>Es klopft.</em>)<span style="color: #993366;"> [4]</span></p>
<p>Herein, die Tür ist nicht verschlossen. Wagner, komm herein.</p>
<p>WAGNER: Herr Doktor, ich hörte sie rezitieren, wirklich leidenschaftlich; das muß die Abhandlung sein, die auf der internationalen Konferenz verlesen wurde. Ich möchte mir an Ihnen ein Beispiel nehmen, den gleichen Weg einschlagen, bin extra gekommen, um von Ihnen instruiert zu werden und möchte Sie nicht lange aufhalten.</p>
<p>FAUST: Meine Zeit, selbst wenn du mich aufhältst, verschwende doch nur damit, Wein zu trinken, seichte Literatur zu lesen und Streitschriften zu verfassen.</p>
<p>WAGNER: Ich habe schon die Prüfung bestanden, muß ein Thema für meine Dissertation wählen und wollte Ihre Meinung dazu hören.</p>
<p>FAUST: Welches Thema hast du gewählt?</p>
<p>WAGNER: Den Einfluß des provenzalischen Troubadours auf die elisabethanische Lyrik.</p>
<p>FAUST: Ein großes Thema. Das kann einen jungen Mann wie dich leicht so lange beschäftigen bis ihm die Haare grau werden. Als ich in deinem Alter war, dachte ich auch, ich könne mit einem Arm losgehen und ein Loch in die Große Mauer schlagen. Jetzt im alter denke ich, schon mit einer Sticknadel ein Loch ins Fensterpapier zu stechen ist eine große Leistung.</p>
<p>WAGNER: Ist es nicht langweilig, sich mit kleinen Problemen zu beschäftigen?</p>
<p>FAUST: Erst die Langeweile ist doch die Basis der Wissenschaft. Siehst du diese Dissertation? Sie beschreibt nichts weiter als das Alter von Burne-Jones, als er in die Kathedrale von Winchester <span style="color: #993366;">[5]</span> eintrat.</p>
<p>WAGNER: Was für einen Nutzen hat das?</p>
<p>FAUST: Nutzen hat es, wenn auch nur einen kleinen. Während der Jahre, in denen ich an der Dissertation schrieb und ich mich abends mit meiner Frau gemeinsam hinlegte, sagt sie stets: Ich kann nicht einschlafen – erzähl mir von deiner Dissertation. (<em>beide lachen, Stille</em>)</p>
<p>WAGNER: Herr Doktor, ich habe Ihnen eine Flasche Wein mitgebracht, ob er gut ist, weiß ich nicht.</p>
<p>Faust: Ist der neue Wein schon da?</p>
<p>WAGNER: Es ist doch schon Sommer.</p>
<p>FAUST: Warum habe ich den Flieder vorm Fenster nicht gerochen?</p>
<p>WAGNER: Wo gibt es denn noch Flieder, den gibt’s schon seit Jahren nicht mehr.</p>
<p>FAUST: Die Vergangenheit ist ein Fliederwald. Wenn der Wind weht, fangen die Fußgänger draußen den Duft mit der Nase auf. (<em>Wagner schenkt Faust Wein ein, von weitem läutet eine Glocke.</em>) Jedes Jahr zu dieser Zeit läutet jeden Tag nachmittags in der Kirche die Glocke, das Auf und Ab des Glockenläutens schwebt zum Fenster hinein, ein Jahr ums andere zieht sich in die Länge, zieht sich bis zum Stillstand. Ich fühle schon nicht mehr die Zeit vergehen. Doch jetzt, ich weiß nicht warum, erschreckt mich plötzlich die durch die Jahreszeiten veränderte Landschaft.</p>
<p>WAGNER: Ehrenwerter Gelehrter, welch weibisches Frühlingsfieber legen Sie an den Tag. Es gibt keinen Fliederwald mehr, draußen gibt es statt dessen nur die frühsommerliche Landschaft, wir können uns gemeinsam die Zeit vertreiben.</p>
<p>FAUST: An welchem Ort?</p>
<p>WAGNER: An einer belebten Straße, von beiden Seiten mit Schenken und Teehäusern gesäumt.</p>
<p>FAUST: Einverstanden, laß uns in eine Schenke gehen, es ist gerade die Zeit in der sich die Fräuleins ihre Röcke anziehen. <span style="color: #993366;">[6]</span></p>
<p><em>In menschlicher Gestalt: der Fernsehregisseur Mephisto</em></p>
<p>SCHAUSPIELER: (<em>ohne Kostüm, mit der Intonation eines nicht zum Stück gehörenden Sprechers</em>) Doktor Faust verläßt seinen Elfenbeinturm und trifft zufällig auf Gretchen, ein hübsches Mädchen von niederem Stand. Gretchen, diese von Marx als die eindrucksvollste weibliche Erscheinung Gepriesene <span style="color: #993366;">[7]</span>, ist Goethes größter Beitrag zum Urfaust. Faust erlangt mit der Hilfe des Teufels ihre Liebe. Um sich heimlich mit Faust zu treffen, gibt sie ihrer Mutter zu viel Schlafmittel, womit sie sie umbringt. Der große Bruder stirbt an Faustens Messer, als er versucht, das heimliche Treffen zu verhindern. Gretchen, konfrontiert mit solch einer drastischen Veränderung, verliert den Verstand und ertränkt Faustens und ihr Kind. Sie verweigert sich Faustens Plänen, sie aus dem Gefängnis zu befreien, nimmt ihre Bestrafung an und wird zum ersten Opfer des gelehrten Don Juan. <span style="color: #993366;">[8]</span></p>
<p>WAGNER: Herr Doktor, mit ihnen zu spazieren hat viele Vorteile und ist die größte Ehre. Normalerweise komme ich nicht allein hier her, denn ich verabscheue alles rauhe Verhalten. Ich hasse nichts mehr als Spiele, Sauferei und Tumult. (<em>Beide setzen sich.</em>)</p>
<p>FAUST:  Hier wiederum ist Ruhe im Lärm.</p>
<p>WAGNER: Warum führen wir nicht unser Gespräch aus dem Studierzimmer fort? Das Leben ist endlich und endlos ist das Lernen. Doch Wälder und Felder lang zu betrachten widert mich an, auch auf der Vögel Flügel bin ich nicht neidisch. Jedoch Seite um Seite, Buch um Buch zu lesen läßt meine Seele empor schweben. Die Pergamentseite eines alten Buches umzuschlagen gleicht dem Trinken eines Löffels süßen Taus, Stück für Stück erfrischt es mein Herz.</p>
<p>(<em>Nebenan spitzt Mephisto sein Ohr.</em>)</p>
<p>*</p>
<p>[1] Anspielung auf Goethes überlieferte letzte Worte: „Macht doch den zweiten Fensterladen auch auf, damit mehr Licht hereinkomme.“, oft verkürzt zu „Mehr Licht!“ (Carl Wilhelm Müller: Goethes letzte literarische Thätigheit, 1832)<br />
[2] Der folgende Monolog orientiert sich vage an: Goethe: <em>Faust. Der Tragödie erster Teil. Nacht.</em><br />
[3] Gemeint sind im alten China übliche Drucke, die angefertigt werden, indem man auf eine steinerne Druckplatte ein Blatt Papier legt und mit einem schwärzenden Stoff über die hochstehenden Zeichen fährt.<br />
[4] Die Geist-Szene wurde in Shenlins Version ausgelassen.<br />
[5] Sir Edward Coley Burne-Jones (1833-1898), britischer Maler, entwarf Vorlagen für zahlreiche Kirchenfenster<br />
[6] Neben den starken Veränderungen sind auch einige Faust-Passagen hier ausgelassen worden, zum Beispiel die Selbstmord-Szene Faustens, die Begegnungen mit dem Volk u.v.m.<br />
[7] Karl Marx trug in das Poesiealbum seiner Tochter Jenny Marx Longuet ein: Lieblingsheldin: Gretchen<br />
[8] Die hier zusammengefaßte Handlung findet später in Shenslins Stück teilweise statt.</p>
<div id="_mcePaste" style="overflow: hidden; position: absolute; left: -10000px; top: 2250px; width: 1px; height: 1px;">
<p class="MsoNormal" style="margin-left: 36pt; text-indent: -36pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;;">Hast du diese Dissertationen gesehen? Eine um die andere türmen sie sich bis zur Decke; wenn im Winter Licht herein scheint, fangen die Zeichen auf den blauen Buchrücken an zu glänzen und ein jedes wird zu einem verschwommenen Lichtkreis, daß man an eine Grabplatte auf dem Friedhof bei Sonnenuntergang denken muß. Man ist noch nicht begraben, doch auf dem akademischen Friedhof steht schon einen Platz bereit. Das nun ist meine Welt. Meine Welt, schon seit ein paar Jahrzehnten. Heißt das etwa Leben? Doch genau das ist mein Leben!</span></p>
<p class="MsoNormal" style="margin-left: 36pt; text-indent: -36pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;;">Was ist dies hier? Zeugnisse, Hausaufgaben, Klausuren, das alles türmt sich hier auf und gibt den Motten Futter. Futtert nur, manche Menschen studieren, lesen, schreiben Aufsätze, andere Leute trinken, nehmen Drogen und haben Liebschaften – Lernen ist nur eine würdevolle Verschwendung der Jugend, doch ich lehre anderer Leute Kinder, ihre Jugend zu verschwenden. Das nun ist meine Welt. Meine Welt, schon seit ein paar Jahrzehnten. Heißt das etwa Leben? Doch genau das ist mein Leben! </span></p>
<p class="MsoNormal" style="margin-left: 36pt; text-indent: -36pt; line-height: 150%;"><em><span style="font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;;">(Es klopft.)<a name="_ftnref1" href="#_ftn1"><span class="MsoFootnoteReference"><!--[if !supportFootnotes]--><span class="MsoFootnoteReference"><strong><span style="font-size: 12pt; font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;;">[1]</span></strong></span><!--[endif]--></span></a></span></em></p>
<p class="MsoNormal" style="margin-left: 36pt; text-indent: -36pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;;">Herein, die Tür ist nicht verschlossen. Wagner, komm herein.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="margin-left: 36pt; text-indent: -36pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;; font-variant: small-caps;">Wagner: </span><span style="font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;;">Herr Doktor, ich hörte sie rezitieren, wirklich leidenschaftlich; das muß die Abhandlung sein, die auf der internationalen Konferenz verlesen wurde. Ich möchte mir an Ihnen ein Beispiel nehmen, den gleichen Weg einschlagen, bin extra gekommen, um von Ihnen instruiert zu werden und möchte Sie nicht lange aufhalten.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="margin-left: 36pt; text-indent: -36pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;; font-variant: small-caps;">Faust:</span><span style="font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;;"> Meine Zeit, selbst wenn du mich aufhältst, verschwende doch nur damit, Wein zu trinken, seichte Literatur zu lesen und Streitschriften zu verfassen.</span></p>
<div><!--[if !supportFootnotes]--></p>
<hr size="1" /><!--[endif]--></p>
<div id="ftn1">
<p class="MsoFootnoteText"><a name="_ftn1" href="#_ftnref1"><span class="MsoFootnoteReference"><span style="font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;;" lang="EN-AU"><!--[if !supportFootnotes]--><span class="MsoFootnoteReference"><span style="font-size: 10pt; font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;;" lang="EN-AU">[1]</span></span><!--[endif]--></span></span></a><span style="font-family: &amp;quot;Bookman Old Style&amp;quot;;"> Die Geist-Szene wurde in Shenlins Version ausgelassen.</span></p>
</div>
</div>
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