Hat gebabbelt: Johann Wolfgang von Goethe

Hat gebabbelt: Johann Wolfgang von Goethe

Guos Moruos Faust-Übersetzung wird mitunter vorgeworfen, daß Wörter daraus aus dem Heimatdialekt Guos, nämlich der Sprache Sichuans, stammen. Das ist sicherlich keine völlig unbegründete Kritik, beschäftigen sich doch gleich die ersten zwei von Goethes Regeln für Schauspieler eben mit dem Gebrauch von Dialekt auf der Bühne:

Dialekt

§ 1

Wenn mitten in einer tragischen Rede sich ein Provinzialismus eindrängt, so wird die schönste Dichtung verunstaltet und das Gehör des Zuschauers beleidigt. Daher ist das Erste und Notwendigste für den sich bildenden Schauspieler, daß er sich von allen Fehlern des Dialekts befreie und eine vollständige reine Aussprache zu erlangen suche. Kein Provinzialismus taugt auf die Bühne! Dort herrsche nur die reine deutsche Mundart, wie sie durch Geschmack, Kunst und Wissenschaft ausgebildet und  verfeinert worden.

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Programmheft des diesjährigen DOTs

Programmheft des diesjährigen DOTs

Mittlerweile stehen Datum, Zeit und Ort meines Vortrags auf dem 31. Deutschen Orientalistentag in Marburg fest. Alle Zuhörer sind herzlich willkommen:

Freitag, 24. September 2010

9-10:30 (Block 3)

Wilhelm-Röpke-Str. 6, Raum 03B07

zu meinem Vortrag mit dem Titel »Ich muß es anders übersetzen: Die Faust-Übersetzungen
von Mori Ōgai und Guo Moruo«.

 
Guo Moruo widmet am Kindertag, dem 1. Juni 1950, im Gongshan-Park in Peking den Kindern ein Gedicht

Guo Moruo widmet am Kindertag, dem 1. Juni 1950, im Gongshan-Park in Peking den Kindern ein Gedicht

G Mòruò wurde 1892 unter dem Namen Guō Kāizhēn (郭开贞) in einer wohlhabenden Familie in Sichuan geboren. Schon früh begann er, sich für Pantheismus zu interessieren, namentlich für die Ideen des Philosophen Zhuangzi. Nach einer traditionellen, jedoch von Umbrüchen geprägten Ausbildung wurde er mit einer ihm bis dato Unbekannten durch seine Familie in einer arrangierten Hochzeit (包办婚姻 baōbàn hūnyīn) verheiratet. Enttäuscht von seiner Familie, aber auch vor allem von sich selbst, weil er sich wider besseren Wissens auf eine arrangierte Ehe eingelassen hatte, reiste Guō schon wenige Tage später ab und gelangte über verschiedene Zwischenschritte schließlich 1913 nach Japan, wo er ein Medizinstudium begann. Dort lernte er im Sommer 1916 die Japanerin SATŌ Tomiko (佐藤富子), genannt Anna, kennen, die selbst vor einer arrangierten Ehe nach Tokyo geflüchtet war. Sie hatten in den 20 Jahren, die sie zusammen waren, fünf Kinder; die Ehe wurde jedoch von beiden Familien nie akzeptiert.

In Japan war er mit dem naturwissenschaftlichen Teil seines Studiums unglücklich, lernte aber Deutsch, Englisch und Latein und hatte im Deutschunterricht die ersten Kontakte mit Goethe, insbesondere mit „Dichtung und Wahrheit“. Etwa 1918 hat er Werther gelesen und daran gedacht, den Roman zu übersetzen. Im Sommer 1919 begann er die ersten Faust-Übersetzungen, die er bei seinen Besuchen in Shanghai anfertigte. In dieser Zeit schrieb er auch das erste Mal ernsthaft an eigenen Werken und begann, mit seinen Übersetzungen seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Sein in freien Versen geschriebener Gedichtband Göttinnen (女神 nüshén), veröffentlicht 1921, gilt als der Durchbruch einer neuen Lyrik in China.

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Laojiu, japanisch Raochū, ist eine lange gereifte Variante von Huangjiu, ein nicht destillierter Wein aus Reis, Hirse oder Weizen

Laojiu 老酒, japanisch Raochū, ist eine lang gereifte Sorte von Huangjiu 黄酒 („Gelbwein“) aus Reis, Weizen oder Hirse mit weniger als 20% Alkoholgehalt.

Erster Teil der Übersetzung: Die Leute aus Shanghai. Guo Moruo in der japanischen Presse

Herr Maeda, der Verwalter des men’s house, in dem ich untergekommen bin, ist ein bekannter Mann in Shanghai; er ist Christ, Unternehmer und ein ziemlich guter Gesprächspartner. In diesem house haben schon Herr Kagawa Toyohiko,1 der Agrarwissenschaftler Herr Dr. Yamazaki Momoji2 und andere übernachtet. Was diesen Kagawa Toyohiko angeht: Er hat von der neuen Shanghaier Gruppe Verachtung erfahren. Ihm leisten nur noch hohe Beamte, reicher Männer Ehefrauen, alte Christen und Spione Gesellschaft. Dr. Yamazaki jedoch promovierte ursprünglich als Lehrer der Dōbun-Shoin-Universität, indem er Laojiu-Wein erforschte und ist eine neue Autorität in Bereich japanischer Bakterien-Fermentierung. (Heute lehrt er an der Gifu Hochschule für Land- und Forstwirtschaft.) Auf der ganzen Welt gibt es niemanden, der Laojiu-Wein so gründlich kennt wie er; er kennt ihn sogar so gut, daß er auch für’s Trinken einen Doktor bekommen sollte. Er ist ein äußerst offenherziger Weltbürger und genau der Typ Mensch, der in Shanghai wohnt. Ich habe von ihm viel über Laojiu-Wein erfahren.

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  1. Kagawa Toyohiko (1888–1960) studierte in Tokyo und den USA. Er war Schriftsteller, christlicher Reformer, Kämpfer für Arbeiterrechte und Pazifist. []
  2. Yamazaki Momoji  (1890–1962) []
 
"Shanhai no Hitobito" aus der Yomiuri-Shinbun vom 2. 12. 1927

"Shanhai no Hitobito" aus der Yomiuri-Shinbun vom 2. 12. 1927

Der folgende Artikel stammt aus der Tageszeitung Yomiuri Shinbun vom 2. Dezember 1927 und ist der erste Artikel in der Yomiuri, in dem Guo Moruos Name erwähnt wird. Er gibt auch einen kleinen Einblick darüber, wer die Damen und Herren der Stunde waren – welche chinesischen Literaturschaffenden der japanischen Dichter I Ken (1895-1945), der nach einer Shanghai-Reise über sie eine Serie geschrieben hat, kennenlernen konnte. Der hier übersetzte ist der zweite von drei Teilen.

Im ersten Teil (vom 29. 11. 1927) beschreibt Itō das internationale Flair Shanghais, das ihm außerordentlich gut gefallen habe und, daß er während seines sommerlichen Aufenthalts dort viele Freundschaften geschlossen habe, über die er schreiben möchte. Die Uchiyama-Buchhandlung wird beschrieben, die die erste japanische Buchhandlung in Shanghai und ein beliebter Treffpunkt der dichterischen Intelligenz war. Dort fand er freundliche Aufnahme und hat dem den Laden betreibenden Ehepaar auch ein Gedicht gewidmet. Mit der Beschreibung literarischer Persönlichkeiten beginnt Itō im zweiten Teil.

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Deckblatt der Briefsammlung: „Tian Shouchang, Zong Baihua, Guo Moruo. Kleeblatt“. (Tian Shouchang ist der Geburtsname Tian Hans)

„Tian Shouchang, Zong Baihua, Guo Moruo. Kleeblatt“. (Tian Shouchang ist der Geburtsname Tian Hans)

Im Sommer 1921 gründeten die Freunde Guo Moruo, YU Dafu, CHENG Fangwu und ZHANG Ziping die Schöpfungsgesellschaft, eine der ersten und bedeutendsten Literaturgesellschaften Chinas. Ihnen allen war gemein, daß sie ein Auslandsstudium in Japan absolviert hatten – Guo Moruo studierte dort Medizin. Produziert wurden die Schriften der Gesellschaft vom Verlag Taidong Shuju (泰東書局) in Shanghai – und fanden schnell weitreichende Verbreitung, so daß unter ihrem Einfluß in kurzer Zeit viele kleine Literaturzirkel im ganzen Land entstanden.

Der schnelle Erfolg der Publikationen gründete sich vor allem auf der Popularität Guo Moruos und Yu Dafus, die dort auch berühmt gewordene Veröffentlichungen machten: Schon im ersten Jahr publizierte Guo Moruo seinen Gedichtband „Göttinnen“ (女神 Nüshen) und seine Übersetzung von „Die Leiden des jungen Werthers“ (少年维特的烦恼 Shaonian Weite de fannao).

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Guo bei der Arbeit

Guo bei der Arbeit

Wenn vielleicht kaum überrascht, daß Goethe China für sich entdeckt hat1, bevor China Goethe entdeckte, verwundert doch, daß die erste nachweisbare Übersetzung eines Goethetextes in die chinesische Sprache erst vor weniger als 100 Jahren publiziert wurde. Schon ein Jahrzehnt später sollte Goethe aber der beliebteste, meistgelesene und meistübersetzte ausländische Dichter in China sein und ein wesentliches Element bei der Entwicklung einer neuen Literatur nach dem Ende der Kaiserzeit. Es lohnt sich daher, genauer zu betrachten, was Goethe in dieser Phase chinesischer Geschichte so schlagartig hat populär werden lassen, und mit diesem Vorgang ist, wie hier gezeigt werden soll, untrennbar der chinesischen Schriftsteller, Geisteswissenschaftlicher, Naturwissenschaftler, Übersetzer, Kalligraph, Revolutionär und Staatsmann Guo Moruo verbunden. Denn obwohl Goethe und sein Werk viele chinesische Dichter in den zwanziger und dreißiger Jahren inspirierten, war es Guo, der am tiefsten in seinem Denken und Schaffen von Goethe beeinflußt war und der ihn durch seine Übersetzungen und Veröffentlichungen in China bekanntmachte.2

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Guo Moruos Faust - Ausgabe von 1934

Guo Moruos Faust - Ausgabe von 1934

Für den Vergleich der beiden Faustübersetzungen von Mori und Guo habe ich die Originaltext noch einmal verschriftlicht und stelle sie hier hinein, damit diese, bisher im Internet noch nicht vorhandenen Schriften auch anderen interessierten Lesern zugänglich werden.

哲理呀 ……

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kindheit

Guo Moruo: Kindheit

Eine der spannendsten Zeiten in der Geschichte Chinas ist die Periode rund um die Vierter-Mai-Bewegung. Der Untergang einer Jahrtausende alten Kaiserherrschaft, der sog. Boxeraufstand, Kontakte mit dem Ausland und das langsame politische und geistige Erwachen Chinas sind alles interessante historische Ereignisse, über die man in Geschichtsbüchern viel lesen kann. Daß aber auch eine Autobiographie zur Illustration der Zeit einen anschaulichen Beitrag bieten kann, zeigt das folgende Buch.

Eine der wichtigsten Figuren diese Zeit als politischer Akteur und meinungsschaffender Intellektueller war Guo Moruo. Außerdem war er ein bedeutender Schriftsteller mit brilliantem Gedächtnis und hat mit diesen beiden Fähigkeiten der Nachwelt viele autobiographische Schriften hinterlassen. An seiner Biographie, die geradezu exemplarisch für die damalige intellektuelle Schicht war, kann man nicht nur die chinesische Geschichte in wunderbar anschaulicher Weise nachvollziehen, sondern bekommt auch einen tiefen Einblick in das Leben Guo Moruos, der bis auf die kleinsten und auch teilweise sehr privaten Details seines Lebens nichts ausläßt. Dabei ist das Buch voller Witz und von so lebendiger Schreibweise, daß man kaum davon ablassen möchte. Die zahlreichen Anmerkungen machen Vorwissen kaum notwendig, so daß auch Chinaunkundige das Buch genießen können.

Guo Moruo. Kindheit
und
Guo Moruo. Jugend

(Beides im Inselverlag erschienen, übersetzt und annotiert von Ingo Schäfer.)

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