Inspektor Clouseau für den NDR – Fukushima und die deutschen Medien

Ein Internetjournal mit Japanbezug, das dieser Tage nicht über die Katastrophe im Norden der Hauptinsel Honshū berichtet, hat vermutlich einen triftigen Grund dafür. Meiner war: Ich habe keinen blassen Schimmer von Strahlungsgefährlichkeit und weiß auch nicht, wie die Lage im Atomkraftwerk Fukushima I genau aussieht. Daran hat sich bisher auch nichts geändert.

Bin ich also auch kein Atomkraftexperte, so habe ich wenigstens die Möglichkeit, japanische und englische Medien den deutschen hinzuzuziehen, und dabei kamen die deutschen dieses Mal erstaunlich schlecht weg. Kaum eine Zeitung oder ein Bericht wurde veröffentlicht, der nicht durch reißerische Titel das beunruhigende Gefühl vermittelte, die Verfasser wünschten sich die Katastrophe heran. Ich möchte die Male nicht zählen, die ich Meldungen wie »Tokyo vor dem Super-GAU« lesen mußte. Nachrichten aus Japan wurden aufgegriffen und auf die schlimmstmögliche Weise interpretiert, Horrorszenarien entworfen, Japaner als entweder inkompetent oder von eigenartiger Disziplin getrieben beschrieben und darüber hinaus regelrechte Falschmeldungen verbreitet, die bis heute kursieren. Da sich die kritische Diskussion über die deutsche Berichterstattung momentan noch weitgehend japanologie-intern abspielt, möchte ich hier einige Links verbreiten von Menschen, die bereits Vernünftiges zum Thema beigetragen haben.

Damit man einen Eindruck davon bekommt, wie es um die Berichterstattung bestellt ist, eignet sich ein Blog, den ich normalerweise eher nicht verlinken würde. Zettels Raum hat zweieinhalb Minuten Tagesschaubericht analysiert und 14 Fehler darin gefunden. Vorweg: Die Strahlungsgefahren kann ich, wie gesagt, nicht beurteilen und habe bisher auch von Experten widersprüchliche Meinungen dazu gehört. Bezeichnend sind aber in dieser Analyse schon die »kleinen« Fehler und Ungenauigkeiten, die sich die größte deutsche Nachrichtensendung nicht erlauben dürfte.

Einen erstaunlichen Fehltritt hat sich der NDR mit dem sogenannten »Asienexperten« (Haben Sie schon einmal einen »Europaexperten« getroffen?) Robert Hetkämper geleistet. Seit Tagen zeichneten sich seine Berichte durch ihre Unsachlichkeit aus; mit seiner Aussage, die Arbeiter, die im Atomkraftwerk eingesetzt werden, seien»oft Obdachlose, […] sehr viel Gastarbeiter, es sollen sogar Minderjährige dabei sein«, die in Japan gar als »Wegwerfarbeiter« bezeichnet würden, hat er jedoch die Grenzen der seriösen Berichterstattung weit überschritten. Diese Meldung wurde blitzartig von anderen Medien aufgegriffen und verbreitet. Obwohl mit wenig Recherche bekannt sein müßte, daß es sich um eine – dezent formuliert – Falschmeldung handelt, hat allein die Süddeutsche Zeitung die Sache richtiggestellt. Wer sich für eine etwas aufgeregte, aber im Grunde richtige und aktuelle Darstellung der Ereignisse um diesen Fall interessiert, kann Prof. Zöllners Blog Kotoba lesen.

Ein erfrischender Beitrag ist das Interview mit Mishima Kenji, “Verfuehren Sie mich bitte nicht zum Nationalismus”, das die Frankfurter Rundschauf veröffentlicht hat. Wenn ich nur einen Link zum Thema empfehlen dürfte, dann diesen. Dort geht er auf die Berichterstattung und Informationspolitik in Japan und Deutschland ein und auf die japanische Anti-Atom-Bewegung.

Warum ist die Berichterstattung in Deutschland so tendenziös? Einerseits sind es sicherlich politische Interessen und echte Panik, die dahinter stehen. Andererseits sind Internet, Zeitungen und andere Medien von Werbung abhängig – und was bringt mehr Verkäufe oder Klicks als eine reißerische Überschrift?

Man verstehe mich bitte nicht falsch – bei mir kommt Sonne und Wind aus der Steckdose und ich halte es für schieren Irrsinn, Atomkraftwerke in seismisch aktive Gebiete zu setzen. Auch mache ich mir Sorgen über die kurz- und längerfristigen Auswirkungen des Unglücks. Dieser Journaleintrag sei daher nur als Anstoß gedacht, sich nicht ungeprüft auf die deutsche Berichterstattung zu verlassen und sich nach Möglichkeit ein eigenes Bild zu machen.

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