Äpfel und Birnen

Besser drei Mal überlegen

Besser drei Mal überlegen

Nach all den sprachlichen Problemen, die hier schon behandelt wurden, blieb doch noch ein wichtiger Punkt zu wenig erwähnt: die Übersetzung von Kulturtatsachen und ihre Tücken. Als Anlaß sei ein kleiner Satz zitiert, den man heute in der Bildergallerie der Tagesschau lesen konnte:

In der indischen Stadt Hyderabad töpfert ein Mann ein Ölgefäß für das “Diwali Festival” – Lichterfest, das am 17. Oktober gefeiert wird. Das Festival erinnert an den Hindugott Lord Rama, der nach 14 Jahren im Exil in seine Heimatstadt Ayodhya zurückgekehrt ist. Das Lichterfest gleicht dem deutschen Weihnachten und Silvester in einem.

Das Lichterfest gleicht natürlich nicht dem deutschen Weihnachten und Silvester in einem. Und um das zu wissen, muß man das Lichterfest noch nicht einmal kennen, sondern nur einen einzigen Dezember in Deutschland verbracht haben.

Selbst in säkularisierten Teilen Deutschlands ist Weihnachten ein Fest, das man im kleinen Rahmen begeht; meist in Familie oder allerhöchstens mit wenigen guten Freunden, die selbst aus dem einen oder anderen Grund keine Möglichkeit haben oder haben wollen, ihrerseits in Familie zu feiern. Man sitzt beisammen, lauscht Weihnachtsliedern oder stimmt vielleicht selbst eine Melodie an und unterhält sich bei Kerzenschein über Erfreuliches. Die Worte “Ruhe”, “Besinnlichkeit”, vielleicht noch “Gemütlichkeit” werden wohl von den meisten Deutschen mit Weihnachten assoziiert – und nun versuche man, diese Empfindungen mit Knallern und Krawall, Sekt und Suff, kurz: dem Silvesterfest zu verbinden.

Von dieser unwahrscheinlichen Koalition aber einmal ganz abgesehen, kann man sich auch die Frage stellen, ob es überhaupt sinnvoll ist, ein hinduistisches Fest mit einem christlichen zu vergleichen – sie können sich gewiß nur in Teilbereichen entsprechen. Aber wenn in einem deutschen Kommentar ein Gott “Lord” genannt wird, steht ohnehin zur Debatte, wie ernst es dem Verfasser mit der deutschen Sprache ist, und ein “Festival” ist auch nicht gerade das Wort, das hierzulande gebraucht wird, um traditionsreiche Feiertage zu beschreiben – oder hat man schon vom Oster-Festival gehört?

Meinte der Schreiber vielleicht, beim Lichterfest werden Geschenke ausgetauscht und Feuerwerk wird gezündet? Dann, bittesehr, schreibe er: “Zum Lichterfest werden Geschenke ausgetauscht und Feuerwerk wird gezündet.” Vergleiche, die allzusehr hinken, erreichen selten ihr Ziel.

http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/bilderderwoche116_mtb-1_pos-5.html

4 Kommentare

  1. Hm, vielleicht werden die Feuerwerkskörper besinnlich gezündet? Ich wage diesen Vergleich übrigens auch häufiger, … aber ich bin auch nicht die Tagesschau.

  2. In der Tat! Und mit Zusätzen wie “ist für Inder genauso wichtig/aufwendig/traditionell, wie Deutsche das Weihnachtsfest” oder ähnlichem kann man solche Vergleiche ja möglicherweise noch rechtfertigen. Aber wie Weihnachten UND Silvester gleichzeitig – das, glaube ich zu wissen, hast Du noch nie gesagt, oder?

  3. Hej. :) Du hast zwar recht, dass diese Ausdrucksweise stark an Schwachsinn grenzt – aber ich muss direkt sagen … so wie ich das Lichterfest erlebt habe, ist es nicht einmal völlig verkehrt. ^-^; Die Straßen sind geschmückt wie an Weihnachten und es herrscht allgemein eine festliche Stimmung. Diese ist aber (es handelt sich ja bei den Feiernden um Inder und keine teutonischen Leisetreter) wesentlich freudiger, stimmungshafter und schlicht bunter – eben wie Silvester. So kann denn beim deutschen Besucher unter Umständen tatsächlich dieses Gefühl von “wie Weinachten und Silvester zusammen” aufkommen. Seltsam, aber wahr.

  4. Ich kann das schon in etwa verstehen. Nur stimmt das natürlich trotzdem vorn und hinten nicht, zumal, wenn man bedenkt, welchen religiösen Hintergrund Weihnachten dazu noch hat.
    Und wenn da gestanden hätte, “es fühlt sich an wie Weihnachten und Silvester zusammen”, wäre das ja unter Umständen auch noch akzeptabel gewesen.

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